Mario Tamponi Zurück
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Das Syndrom des eigenen Körpers Im Vergleich dazu ist die Klaustrophobie geradezu erträglich. Sie ist die Qual, in einem geschlossenen, eigentlich ausreichenden Raum zu sein, aber erlebt mit der Angst, diesen im Notfall nicht verlassen zu können. Viel stärker ist das Syndrom der völligen Enge – nicht außerhalb, sondern im eigenen, als Gefängnis empfundenen Körper, unmöglich, daraus zu entfliehen. Die Panik Meine Organe liegen vom Innersten bis zur Außenhaut dicht gedrängt, eins neben dem andern, eins auf dem andern, jedes mit einer Vielzahl von Funktionen, ohne neutrale Zwischenräume, weil auch die scheinbar bedeutungslosen voller Sinn stecken. Und die Enge wirkt noch enger, wenn man daran denkt, dass jedes Organ und jede seiner Funktionen mit allen anderen über Nerven und Muskeln eng verbunden sind: durch elektrische und hydraulische Systeme, Drüsen und Hormone, Abwehr- und Angriffssysteme, durch den Kreislauf einer übermächtigen Zahl von Blutkörperchen und Antikörpern. All das in einem kleinen Körper, nämlich meinem, in den Einzelheiten wie im Ganzen perfekt verpackt: ein Ganzes ohne Leerfläche wie Wartesäle, Parkplätze, Wiesen zum Durchqueren, Wälder zum Durchatmen, Seen zum Träumen, Hügel zum Liebkosen, Gipfel zum Überfliegen. Man könnte sagen, das ist keine große Entdeckung, so bin ich geboren, so war ich schon immer. Aber den eigenen Körper in seinen einzelnen Bestandteilen und für etwas zu gebrauchen, ist das eine. Ganz anders ist es, ihn als Ganzes von innen heraus zu spüren. Ihn als derart kompakt wahrzunehmen, kann zu einem durchdringenden Leiden an organischer Klaustrophobie führen, zu panischer Angst, weil da überhaupt kein Notausgang ist, kein Spalt, um sich zu bewegen, zu atmen, sich zu vergessen. Diese Krise des körperlichen und geistigen Erstickens überkam mich heute Nacht im Halbschlaf, als ich wegen einer leichten Halsentzündung nur noch mit Mühe meinen Speichel hinunterschlucken konnte. Diese Anstrengung ließ mich genau die extreme Ballung der danebenliegenden Organe spüren, sodass mir meine Muskelkontraktion wie ein von den vielen Nachbarn ungebetener Eindringling in einen nicht vorhandenen Raum erschien; und sie ließ mich die noch größeren Schwierigkeiten des Eindringlings erahnen, würde die Entzündung voranschreiten und sich der nicht vorhandene Raum weiter verengen. Die Idee der Kontraktion von schwierig bis unmöglich warf mich in die Panik der totalen Fülle. Um mich abzulenken, sprang ich aus dem Bett, lief im Zimmer hin und her und atmete so viel Luft wie möglich ein, um die von der Aufregung im Kopf betäubte Lunge zu reaktivieren; und im durch die Fensterläden gebrochenen, hellen Licht des Mondes stellte ich den CD-Player an, um mich von Bach’schen Fugen, sie leise mitsummend, treiben zu lassen. Wer mir bisher gefolgt ist, na gut! Aber erzählt es keinem anderen weiter, vor allem keinem Kranken, keinem psychisch Anfälligen, keinen wehrlosen Kindern oder Leuten mit viel Phantasie! Wenn sie sich darauf konzentrieren, könnten auch sie die schmerzvolle Suggestion der Fülle entdecken und ihr erliegen; besser, nicht daran zu denken oder so zu tun, als ob nichts wäre. Zurück unter der Bettdecke packte mich die Panik von vorher mit ihrem Wirrwarr an Bildern erneut. Heute früh erwachte ich ruhiger, aber… …die Krise liegt immer auf der Lauer, weil mein Körper nach wie vor dicht gedrängt und schwer ist: angefangen beim Kopf, eine Kugel nicht größer als ein Ball, mit einem Gehirn, das denkt, fühlt, liebt und die Welt, die es Stück für Stück baut, in sich birgt; die Augen, die opake Wellen in Licht verwandeln, die mit den Farben der Iris und ihrer Transparenz die Seele widerspiegeln und Vertrauen oder Misstrauen, Freude oder Schmerz, Sicherheit oder Verwirrung ausdrücken; der Mund mit seiner Gefräßigkeit, der mit dem Gaumen aber zugleich die Geschmäcke der Welt einsammelt, mit den Lippen Sinnlichkeit verbreitet, mit dem Kuss Liebe oder Untreue erklärt, mit der Zunge Intelligenz und Kommunikation artikuliert, die Poesie und die Intensität der Stille singt; die Ohren, die Musik und Lärm aufnehmen, Vertrautes und Bedrohliches in unterschiedlicher Tonalität. Und das Gesicht, das sich in Stirn, Nase, Wangen, Jochbeinen und Kinn profiliert, um die Züge der eigenen Identität zu offenbaren. Für die verschiedenen Behandlungen und zur Vorsorge benötigt jedes dieser Organe sehr viel Platz, mit eigenen Forschungszentren und Fachkliniken, mit Medizin- und Ingenieurtechnik, Experimenten im Weltraum ohne Schwerkraft; bei mir dagegen ist alles auf engem Raum dicht aneinandergefügt im Abstand von wenigen Zentimetern, Millimetern oder ganz ohne. Als wäre das noch nicht genug, verschlimmere ich selber das Ganze durch Prothesen wie künstliche Zähne, Brillen, Hörgeräte, Kopfhörer, Mützen und Helme, Perücken und Kunsthaar, Puder und Lippenstifte, Mobiltelefone, iPhones und durch alles, was mir die Elektronik bietet, weil sie von der Fülle lebt; und indem sie das tut, erlaubt sie sich, mich zu verändern und in beschleunigtem Rhythmus (die Beschleunigung ist die Fülle in der Zeit) zum Unvorhersehbaren hin zu unterwerfen, damit die Fülle noch voller wird. Obendrein injiziere ich dem Körper in unterschiedlichen Dosen Rauch und Drogen. Vom Kopf zum ganzen Körper Was ich im Kopf spüre, gilt auch für den restlichen Körper, auch dieser im Kleinen komprimiert mit Herz, Lunge, Leber, Milz, Nieren, Harnwegen, Verdauungstrakt und Geschlechtsorganen, in esoterischer Verbundenheit von Not und Adel; und dann Nerven- und Muskelstränge, Arterien und Venen sowie ein unendliches Gefäßnetz, das alles stützende Skelett, die alles umhüllende, schützende Haut. Die Liste könnte unendlich fortgesetzt werden, aber noch unvorstellbarer ist, dass jedes Teil an andere und letztlich an alles grenzt, in Funktionen und Stimmungen wechselseitig voneinander abhängig. Und all das pulsiert unabhängig von mir, Tag und Nacht, im Wachen und Schlafen, bis hin zum Koma. Das Herz als zentraler Motor schlägt bis zum Tod drei Milliarden Mal, die Lunge atmet 22.000 Liter Luft pro Tag mit dem Sauerstoff, der für die Produktion von Energie und Wärme zum Leben verbrannt wird; Leber, Nieren, Milz und ähnliche Organe sind unablässig aktive biochemische Fabriken. Bleiben wir noch etwas beim Darm in der (sogenannten) Bauchhöhle, der mit Sekreten und Kontraktionen die Lebensmittel in Zucker, Fette und Aminosäuren spaltet, damit diese mit Wasser, Mineralien und Vitaminen vom Blut aufgenommen werden können. Aber der Darm verdaut und schützt nicht nur; seine zahlreichen Neurotransmitter machen aus ihm geradezu ein zweites Gehirn. Die dunklen Schluchten aus Falten, Zotten, Mikrozotten und Krypten mit einer Schleimschicht von 200 Quadratmetern sind, vor allem in Kolon und Dünndarm, mit einer Flora oder bakteriellen Fauna Hunderter verschiedener Spezies bevölkert. Mikroorganismen in schier unendlicher Zahl, zehnmal mehr als die Zellen, aus denen ich bestehe. Sie leben für sich und bedienen sich meiner, und ich weiß nicht einmal, warum ich es ihnen erlaube, kolonisiert zu werden, überrannt von ihrem gesellschaftlichen Leben mit Familien, Verbänden und Clans, ihren Produktionsstätten, ihrem Verkehr: immer, auch wenn ich schlafe oder mir bei klarem Verstand einbilde, autonom und Herr der Erde und des Kosmos zu sein. Dabei bin ich nicht einmal Herr meines Bauchs, den ich mit dem, was ich esse, mit den Liebkosungen, die ich ihm ab und zu schenke, zu steuern glaube. Diese Individuen in meinem Eingeweide entwickeln in Kolonien subtile Aktivitäten mit Logiken, Interessen und Zielen, die nicht meine sind; und doch, ernährt wie ein Bettler von ihren Abfällen, schleppe ich sie mit einem Gewicht von fast zwei Kilo mit mir herum. Sollte ich mich aus Stolz auflehnen wollen und sie das bemerken, würden sie mich auslachen. Ich gebe mich sogar devot, nenne sie aus einer gewissen captatio benevolentiae heraus mit vertrauten Namen, als wären sie Freunde, alte Schulkameraden. Wie alle Armeen von Antikörpern, die ich in meinem Dienst wähne. Aber das ist nicht so, ich bin und kann nicht ihr Gott sein, sie ignorieren mich und basta. Auch sie handeln nicht auf meinen Befehl; sie brauchen mich nicht, weil ich keinerlei Ahnung habe, was sie brauchen. Für ihre Angriffe warten sie nicht auf meinen Trompetenstoß; sie sind es, die ihre Feinde sichten und überfallen, nachdem sie ihren Code kopiert und diesen auf Heerscharen gehorsamer Soldaten übertragen haben; die unzuverlässigen dagegen erhalten den Gnadenstoß von ihren Inspektoren oder sie erleichtern ihnen die Aufgabe durch Selbstmord. Für ihr Gemeinwohl, nicht für meins. Sie schulden mir nichts, denn auch ich kann ihnen nichts geben; von der Chemie und den Säften meines Körpers nehmen sie sich alles, und das reicht ihnen. Sie sind es, die erkennen und entscheiden; jede idiotische Einmischung meinerseits würde nur Unruhe stiften. Vor allem, weil ich einer bin und sie sind Milliarden, organisiert und getrimmt auf Effizienz mit unsichtbaren Waffen, bei denen kein Schlag danebengeht. Ich weiß, es ist peinlich, sie sogar noch spazieren zu führen, immer in mir drin, obwohl sie nicht einmal im Traum daran denken, sich bei mir zu bedanken; das tun sie nicht, denn meine Spaziergänge sind nicht die ihren. Der Gipfel ist, dass ich voll von ihnen bin, ohne dass sie mir gehören oder mich ernst nehmen. Ich bringe sie mit ins Bett und auch dafür kein Dank, weil meine Ruhezeiten nicht die ihren sind und sie sich beim Schlaf abwechseln. Ihre Zeiten werden von unsichtbaren Uhren bestimmt, die ihre Sekunden in Tausendsteln schlagen, und ihr Ticken ist frenetisch. Die Fülle breitet sich jedoch auch kapillar auf die Zellen aus, die die Organe bilden, und in mir sind es mehr als hundert Milliarden, vollkommen unterschiedlich, jede einem Elektrizitätswerk gleich, ständig in Betrieb, auf vielen Ebenen gleichzeitig. Da unendlich klein, lassen sich die Zellen selbst mit leistungsstarken Mikroskopen kaum ausmachen, dabei sind sie doch ausgestattet mit Labyrinthen, Kanälen, Netzen, Pumpen, Rezeptoren, Energie- und Proteinströmen … und vielem mehr. Selbst das Zytoplasma, das als träge Flüssigkeit erscheint, ist in Wirklichkeit eine hyperaktive Substanz mit Mikrostrukturen für unterschiedliche Aufgaben. Die Membran ist eine Schutzhülle, aber gleichzeitig auch die äußerst ausgeklügelte Grenze für die Kommunikation zwischen dem „Innen“ und dem „Außen“. Jede Zelle hat einen Kern mit einer DNA in extrem langen Ketten, die Chromosomen, in denen sich die Erbinformationen auf mehr als drei Milliarden Grundpaare und mehr als 20.000 Gene verdichten. In jeder Zelle ist mein kompletter Code. Vielleicht wäre ein einziger, in einer besonderen Zelle, in einem Winkel des Gehirns oder des Herzens, für meinen gesamten Körper ausreichen, es wert, als Seele verehrt zu werden. Und stattdessen überflutet er mich, einer pro Zelle, mit hunderttausend Milliarden perfekten Exemplaren. Im Übrigen ist es genau das, was in mir die Entwicklung der Wechselbeziehung aller Zellen ermöglicht, praktisch die kapillare Fülle. Auch die Zellen sind wie Legosteine, eine neben der anderen, eine auf der anderen, eine für die andere, für jede andere, um eine kompakte Maschinerie mit zahllosen Miniaturbauteilen zu bilden, allesamt unerlässlich. Der Abgrund, in den ich stürzen könnte, würde ich mich auch noch darauf konzentrieren, ist schmerzlich und schwindelerregend, denn wie beim normalen Schwindel vermischen sich Behältnis und Inhalt meiner inneren Realität mit der äußeren und werden zu einer trüben, nebulösen Urmasse, die alles besetzt und erdrückt. Ich habe immer die Schmetterlinge beneidet. Um nicht das Syndrom der absoluten Fülle, die ich bin, spüren zu müssen, kommen mir normalerweise meine dichtgedrängten Organe selbst zu Hilfe: Zur Ablenkung versetzen sie mich mit den Sinnen in einen Raum, der den Anschein erweckt, als sei er echt, um mir Lust zum Hineinlaufen zu machen; mit Schiffen lassen sie mich Ozeane überqueren, mit Flugzeugen den Himmel, mit Wissenschaften den Sternenkosmos, mit Kunst Plätze und Pyramiden bewohnen, mit Religion Kathedralen und Klöster. Aber wenn diese Täuschung auch nur kurz schwindet und ich mich auf die Fülle, die ich bin, konzentriere, bricht das Unbehagen erneut aus, intensiver als bei jemandem, der sich in einem Aufzug oder endlosen Tunnel eingesperrt sieht. Ich weiß nicht, welche Notfallbehandlung hier Abhilfe schaffen könnte, vielleicht die Betäubung mit Morphium. Der Instinkt, auf häufige Blutspenden zurückzugreifen, um Venen und Arterien zu erleichtern, ignoriert das klassische Prinzip „natura abhorret vacuum“ (die Natur schreckt vor der Leere zurück), die Tatsache also, dass der „horror vacui“ der Natur den Blutkreislauf dazu veranlassen würde, sich zu regenerieren und das abgenommene Blut sofort zu ersetzen. Eine befreiende, nachhaltigere Wirkung könnte eine philosophische Therapie haben, die mir die Gewissheit gibt, dass der Raum an sich – und seine Zeit – nicht existiert, wie uns im Übrigen Kant lehrt und sogar die Physik der Quantenmechanik. Das heißt, es gibt keinen externen Raum der mentalen Projektion, aber ebenso wenig den der dichtgepressten Organe. Es gibt nur meine Beziehung zu anderen Personen, wie ich es bin, die die Grundlage dessen ist, was ich bin, und der Grund, warum ich mich anders darstelle. Der Wille, mich mit den anderen in Beziehung zu setzen, ist die wahre Therapie, auch wenn er nicht erwidert wird, denn dann ist da der Andere, der Trost spendend ausgleicht. Viele, die den Todeskampf und den Nahtod erlebt haben, berichten davon, sich in einem Tunnel befunden zu haben, der zum Licht führt. Sicher ist das eine Metapher; in Wirklichkeit ist der Tod der endgültige Übergang aus der extremen Fülle des Körpers durch Ersticken der Lunge, Herzinfarkt oder Schlaganfall; durch das Aufbrechen entledige ich mich möglicherweise auf immer der schweren Materie, um die Welt der reinen Beziehungen zu betreten, die leicht ist, extrem leicht. Ich habe immer die Schmetterlinge beneidet. Aber noch lebe ich zum Glück, denn mich erschreckt jener Übergang durch die extreme Fülle, der sogar den Fluss des Blutes blockiert, den Strom der Luft zur Lunge, das Gewirr bizarrer Gedanken. In der Welt der Lebenden, wo ich mich nach wie vor lieber aufhalte, erlaubt die Fülle der Köpfe und Körper noch das Fließen des Blutes, der Luft, der Ideen. Hier spielt der Unterschied keine Rolle zwischen Durchschnittsmenschen und Genies, Clochards und Planern der zukünftigen Welt; in Anbetracht dessen, dass sie alle, jeder für sich, das subtile Leiden der Fülle wahrnehmen, immer mit der Panik im Nacken vor dem Gefängnis ohne Flucht. Kein Vergleich zu den Objekten oder den Statuen der Kunst; auch bei Michelangelo oder Canova ist die Form, die ich sehe, alles, denn innen ist die formlose Leere des Marmors. Das Objekt oder die Statue entsteht von außen, und das Außen, wo es zugleich endet, offenbart das Schöne, das nicht leidet. Bei mir, wie auch bei den anderen, die mir ähneln, entsteht der Körper hingegen von innen, und das Innere scheint durch die es umhüllende Haut hindurch. Ein Wunder diese Fülle mit ihrem funktionalen Gefüge, die jede mikrotechnologische Nachahmung in Milliarden von Jahren blass aussehen ließe. Aber die Fülle, die hindurch scheint, ist auch die Seele, die leidet, weil ihre Flügel gestutzt sind. Wichtig ist ein Funken Empathie dem gegenüber, der dasselbe wie ich durchlebt. Das Mitgefühl ist das Fundament einer jeden Beziehung, die schwerelos fliegt. Mario Tamponi