Mario Tamponi Zurück
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8 Der Herr der Sterne und die Komplexe der NASA Seine Firma, die Andromeda GmbH, nimmt den gesamten Galileo-Palast am Platz der Republik gegenüber der Basilika Mariä Himmelfahrt ein. Wenn er spätvormittags dort eintrifft, sausen seine Angestellten, wie erdrückt von der Last ihrer Pflichten, schon seit geraumer Zeit durch die Flure und weiträumigen Säle. Sie begrüßen ihn mit Verehrung, was er mit kräftigem Händedruck und liebevollen Gesten erwidert. Sie informieren ihn über die Neuigkeiten und er spricht Ermutigungen und Ratschläge aus. Dann zieht er sich in die Direktion, eine sonnendurchflutete Mansarde, zurück. Er überfliegt die Zeitungen, Agenturmeldungen und Fachzeitschriften, von denen sein barocker Schreibtisch überquillt. Er liest die Post und konzentriert sich auf die anstehenden Verpflichtungen und Termine. Hin und wieder sucht er nach Inspirationen zwischen den prägnanten Fialen der Kirche oder den Antennen und Sendemasten, die sich wie ein elektronischer Wald über die Dächer erheben. Hat er das Nötigste erledigt, sucht er hier Entspannung. Vor sieben Jahren, als er Andromeda aus der Taufe hob, hätte keiner auch nur einen Pfifferling auf soviel Erfolg gesetzt. Sirius hatte in seinem Leben alles Mögliche ausprobiert. Nach einem Rekordstudium in Politologie bei einer Leuchte der Wissenschaft, einem Nobelpreiskandidaten für Wirtschaftswissenschaften, promovierte er „summa cum laude“ mit einer Arbeit über die Phobien von Machiavelli. Er verzichtete auf eine Chance zu einer Universitätskarriere, um Berater eines ehrgeizigen Regierungspolitikers zu werden. In völliger Anonymität schrieb er ihm die programmatischen Diskurse ebenso wie die Salonreden. Bis ihn der Stolz übermannte. Er verstand, dass dieser Papagei keinen Funken seiner Kreativität verdiente, und verließ ihn Knall auf Fall – ja, er schenkte ihm sogar noch das letzte Gehalt. Er versuchte sich an einer schriftstellerischen Karriere. Anfangs schrieb er theoretische Abhandlungen, die von der Elite des politischen Provinzialismus als langweilig erachtet wurden. Es gefiel ihm, Verse im Stil von Borges und Pasolini zu verfassen; Freunde mochten sie, Verleger und Absatz fanden sie nicht. Gedichteschreiben blieb ein Hobby. Er ließ sich vom Kommerz verführen und leitete ein Avantgarde-Restaurant. Aber im Treibsand der Geier und Hyänen der Branche ging er rasch unter. Seine Ideen waren hellsichtig und sein Organisationstalent ausgeprägt. Was ihm auf diesem Gebiet fehlte, war die Fähigkeit, die Zähne zu zeigen. Sie plünderten ihn aus und setzten ihn wie einen Eindringling vor die Tür des eigenen Lokals. Es folgte eine Phase der Frustration, während der er eine Reihe von Stellenangeboten erhielt. Am einträglichsten war die als PR-Berater für das Bestattungsinstitut DiP (Direkt ins Paradies). Obwohl er sich zu dieser Zeit mit einem Gelegenheitsjob beim Fitnesscenter EJ (Ewige Jugend) durchschlug, erklärte er sich unter der Bedingung zur Mitarbeit bereit, dass er nicht eine einzige Leiche sehen müsse. Sie hatten ihn immer abgestoßen, jene Marmorgesichter, jene starren Körper in Galakleidung und Superglanzschuhen, ausgestreckt auf bordeauxrotem Samt. Diese Bedingung wurde ihm als Arroganz oder zynische Gleichgültigkeit ausgelegt und brüsk zurückgewiesen. Lapidar das Urteil des Generaldirektors: „Sie wollen unser Image fördern, ohne den Puls unserer Kunden zu berühren?!“ Eigentlich war Sirius nicht dafür geschaffen, von wem auch immer abhängig zu sein oder psychologische Einschüchterungen hinzunehmen. Der sich hinziehenden Inaktivität hatte er zunehmend schlaflose Nächte zu verdanken. Eines Nachts, als er von der Terrasse seines Hauses aus den Himmel betrachtete, wurde er von der Diskretion der Sterne überwältigt. Er spürte, dass sie als einzige in der Lage waren, ihn zu verstehen, und dass es der Mühe wert war, für sie zu arbeiten. Aber wie? Gewiss nicht mit bloßer Kontemplation: Wenn es ums Geschäft geht, muss man etwas anbieten können! Im ersten Moment erschien ihm die Idee, Sterne zu verkaufen, seltsam. Schmunzelnd dachte er an jenen Neapolitaner in roten Hosen und mit Zweireiher, der ihm bei seinem letzten Romurlaub das Kolosseum zu einem durchaus annehmbaren Preis hatte andrehen wollen. Nur die Sterne sind nicht das Kolosseum! Ein x-beliebiges Eigentumszertifikat über die Touristenattraktion Amphitheater vorzuzeigen, hätte ihn in den Augen von Besuchern und Wachpersonal lächerlich gemacht; bei den Sternen dagegen würde es nicht schwer sein, seine Rechte geltend zu machen. Es reichte, als erster dazusein und die Konkurrenten per Exklusivpatent zu entmutigen. Vor lauter Aufregung konnte er die ganze Nacht nicht schlafen. Und den nächsten Tag verbrachte er wie ein Besessener damit, Idee und Programm in Form von geometrischen Darstellungen, Strukturpyramiden, Organisationsplänen sowie Kostenvoranschlägen für Organisation und Werbung auszuarbeiten. Dabei griff er auf Pastellstifte zurück und setzte mit einem Sinn für Logik auch auf die Suggestion der Farben. Die Träume der zweiten Nacht beschäftigten sich mit den noch offenen Fragen. Der redseligste Stern einer besonders auffälligen Galaxie gab der Initiative den Namen „AS“ (Aktion Sterne) und der noch ungeborenen Firma eben den von „Andromeda“. Eine nächtliche Eingebung! Kaum aufgewacht, surfte Sirius im Internet und fand heraus, dass es sich bei Andromeda um eine Galaxie der nördlichen Hemisphäre, der M31, handelte mit 220 Milliarden Sternen und in zwei Millionen Lichtjahren Entfernung. Also größer als unsere Milchstraße. Nicht schlecht! Überdies schien es ihm ein gutes Omen zu sein, dass offensichtlich die Sterne selbst eine aktive Rolle übernehmen wollten. Ohnehin hatte er bei deren Anblick den Eindruck, als flehten sie alle ihn an, sie der Gleichgültigkeit der Leute zu entreißen. Er begann, eine Vertrauensbeziehung zu ihnen aufzubauen. Als er sich frühmorgens zum Patentamt begab, traf er bereits auf eine endlose Schlange von Genies und Erfindern. Stolz reihte er sich ein. Jeder hielt die eigene Erfindung fest umklammert, sorgsam darauf bedacht, sie nicht den Blicken von Spionen und Neugierigen auszusetzen. Von der seinen hatte Sirius eine bunt bebilderte Zusammenfassung und Dokumentationsmaterial dabei. Schon eine Woche später kehrte er zurück, um sich die Urkunde über den Schutz der Marke und über die dazugehörigen Rechte abzuholen. Klar hatte ihn der zuständige Beamte für verrückt gehalten und die Angelegenheit, die ihm anmaßend und harmlos zugleich erschien, rasch abschließen wollen. Wie ein Irrenhaus, das man aus Angst vor Ansteckung so schnell wie möglich wieder verlassen will! Immerhin glaubte er bereits ein gutes Geschäft für den Staat gemacht zu haben, wenn er für einen solchen Schwachsinn dieselben Gebühren abkassieren konnte wie bei seriösen Anträgen. In der Rolle des Clowns hatte sich Sirius unwohl gefühlt, am Rand einer Nervenkrise. Aber das Patent in der Hand verwandelte sich zu einem Zauberstab: Es akkreditierte ihn als legitimen Förderer der Sterne und verlieh ihm die Befugnis, mit den ganzen Spekulanten aufzuräumen. Die Sternenverkäufer, die er dem Hörensagen nach kannte, waren oberflächlich und geldgierig. Professionalität bei der Organisation würde der „Aktion Sterne“ ein wissenschaftliches und philosophisches Fundament und der „Andromeda GmbH“ den Charakter eines absoluten Novums verleihen. Sirius gliederte das Unternehmen in einzelne Sektionen: Observation, Katalogisierung und Namensgebung, Presse und PR, Anwalts- und Notarkanzlei, begleitende Aktivitäten, Verwaltung. Einige der Funktionen erfand er vor allem, um daran interessierte Freunde und Bekannte zu beschäftigen. Als Ausstattung besorgte er Teleskope, hoch empfindliche Messinstrumente, eine wissenschaftliche Bibliothek, ein Fotoarchiv. Die von ihm zusammengetragenen Aufnahmen waren suggestiv und gaben den Kosmos detailliert wieder. Ausgehend von der Gesamtheit des bekannten Universums mit Hunderten von Milliarden Galaxien mit Hunderten von Milliarden Sternen entschloss sich Sirius, sein Sternenangebot auf die 6000 mit bloßem Auge, überwiegend in der Milchstraße sichtbaren zu beschränken, plus 2000 mit dem Teleskop identifizierbare plus weiterer 2000 in noch größerer Entfernung, die nur durch die Beobachtungen von Satelliten erkennbar waren. Alles in allem zehntausend! Eine so strenge Auswahl geschah nicht zufällig oder aus Magie, sondern beruhte auf Kriterien und minutiösen Berechnungen, mit denen Techniker und Mathematiker über ein Semester lang beschäftigt waren. Gegenüber diesen auf beide Hemisphären gleichmäßig verteilten Sternen nahmen die unzähligen restlichen endgültig eine Außenseiterrolle ein. Sirius nannte die Gesamtheit dieser Komparsen „Sternenlimbus“. Die erwählten Sterne wurden einer nach dem anderen genauestens überprüft – wie Wesen, die nur darauf warteten, eine Beziehung zu einem gleichgesinnten Erdbewohner eingehen zu können. Eher als von Eigentum sollte man von Synergie, Symbiose, psychologischem Gleichklang sprechen! Von jedem Stern wurden zuerst die Koordinaten festgestellt. Die Entfernung wurde nicht nur, wie üblich, in Lichtjahren gemessen, sondern auch in Stunden, Minuten und Sekunden. Bedenkt man, dass die Lichtgeschwindigkeit 300.000 km/sec, also etwas weniger als die Entfernung Erde-Mond beträgt, wird klar, wie wichtig die Genauigkeit war. Von jedem Stern wurden auch Persönlichkeit, Charakter, Sensibilität bestimmt: die Helligkeit, die Farbigkeit in ihren vielfältigen Rot-Blau-Abstufungen, die Temperatur, die Masse, die Dichte, die Struktur und alles, was ihn zu einem unwiederholbaren Individuum machte. Sogar die Fruchtbarkeit, d.h. die Tendenz, sich Kindern und Neffen gleich mit Planeten mit oder ohne Satelliten zu umgeben. Das Spektrum zeichnete die äußerste Schicht eines Sterns auf, bei der Sonne Photosphäre genannt; von entscheidender Bedeutung aber waren auch die tieferen Zonen und der Kern, welche die Seele des Sterns ausmachten und Ausdruck seiner Leidenschaftlichkeit und Unvorhersehbarkeit waren. Zu den gewöhnlichen Sternen gesellten sich einige spezielle: die Kollabierten, die Neutronensterne, die Pulsare, die Doppelsterne... Andromeda taufte sie alle – eine Zeremonie, bei der Sirius immer anwesend war – und verlieh ihnen so ihren eigenen, zum jeweiligen Wesen passenden Namen: Die chiffrierten Bezeichnungen der Astronomen und die tierischen der Astrologen wurden ausgewechselt. Anfangs brach sich Andromeda nur mühsam Bahn. Dann ging es mit Hilfe direkter Werbung und von Fernsehreportagen unaufhaltsam aufwärts. Das Geheimnis lag in der Seriosität. Sirius wählte sich seine Kunden aus. Vor Zuteilung eines Sterns überprüfte er die persönlichen Daten und Empfehlungsschreiben, und das mit größerer Umsicht als Ferrari beim Verkauf kostbarer Einzelstücke einer limitierten Serie. Sirius stellte sich auch dem Problem der Unwissenheit. In der Anfangszeit konnte es passieren, dass ein Stern aus Unachtsamkeit in die Hände von Leuten geriet, die noch nicht einmal den Unterschied zwischen einem Stern und einem Planeten kannten, auch wenn sie sonst in jeder Hinsicht zuverlässig waren. Also führte Sirius, um nicht weitere Perlen zu vergeuden, obligatorische Vorbereitungskurse ein. Ausgehend vom Platz der Republik als Zentrum des Kosmos vermittelten diese elementare Kenntnisse: die Erde, die Planeten und die Satelliten, die Sonne, die Sterne der Milchstraße und anderer Galaxien, die interstellare Materie, die schwarzen Löcher, die Rotverschiebung, der Urknall, die Expansion, die Implosion.... bis hin zu den spektakulären und lustigeren Aspekten der Relativitätstheorie. Eigentlich war der ganze Kurs lustig. Er griff zurück auf Anekdoten, Bonmots und Witze, um nur ja keinen zu entmutigen – auch nicht die Kursteilnehmer mit Hauptschulabschluss, die ungeduldig darauf warteten, eine engere Gefühlsbeziehung zum eigenen Stern aufbauen zu können. Nach jeder Lektion (der Kurs sah wenigstens sechs Unterrichtsstunden in Theorie und drei in Praxis vor) verließen die Teilnehmer den Lehrsaal oft mit rot angelaufenem und verschwitztem Gesicht, feuchten Augen, schmerzenden Backen. Waren einst Filme schön, wenn sie einen zum Weinen brachten, so waren Andromedas Lektionen wissenschaftlich, wenn sie die Zuhörer zum Lachen brachten. Mit seiner herausgestreckten Zunge schien Einstein selbst diesem Prinzip zuzustimmen! Das Foto des Genies hing neben einer gesitteteren Darstellung von Galileo über dem Lehrerpult. Die Abschlussprüfung für das Eignungszertifikat entsprach dem Test bei Führerscheinprüfungen. Unerwartet führte so die Lehrtätigkeit zu einem gesicherten Nebenverdienst. Und zwar nicht unerheblich in Anbetracht dessen, dass nicht wenige auch dann die Kurse besuchten, wenn sie sich den sofortigen Kauf eines Sterns finanziell nicht leisten konnten. Sirius lehnte Ratenkäufe ab, um nicht bei Fällen von Zahlungsunfähigkeit den Rechtsweg beschreiten zu müssen. Sterne und deren Besitzer vor Gericht zu bringen, wäre für ihn einer Profanierung geweihter Kirchen gleichgekommen. Andromeda bewies ihre Zuverlässigkeit auch durch die Betreuung ihrer Kunden nach dem Kauf. Angeboten wurde eine ganze Reihe von Dienstleistungen wie technische Assistenz, Grund- und Aufbaustudien, Fortbildung, Rechtsberatung, Rechtsvertretung und notarielle Beurkundungen in Fällen von Schenkungen und Erbschaften, so dass der Erwerb lediglich ein erster Schritt war. Die Abwicklung erfolgte bei persönlicher Anwesenheit der Interessenten, nicht per Telefon, Post oder Internet, wo wenig bis nichts verifizierbar ist. Sirius blieb der Tradition verhaftet, dem Einverständnis, das entsteht, wenn man sich in die Augen blickt. Im Lauf der Zeit kamen Kunden aus aller Herren Länder: aus Europa, den Vereinigten Staaten, Japan, Australien. Bisweilen nutzten sie die Gelegenheit zu einem mehrwöchigen Urlaub in der Umgebung, ähnlich den Pilgern, die nach Rom reisen, um den Papst zu besuchen. Für sie bedeutete die Investition bei Andromeda die Aneignung von Schätzen, „die nicht abnehmen, die kein Dieb findet und keine Motte frisst“. Wie bei einem Gelegenheitskauf von Kunstwerken berühmter Maler, denen Inflation oder Börsencrashs nichts anhaben können. Und Andromeda bot etwas an, das spiritueller und erfüllender war als eine Perle oder ein Meisterwerk, die im Tresor vor sich hin schmoren. Ein Stern ist nicht von dieser Welt! Spontan entwickelte sich eine Vielfalt von Aktivitäten. In einem Saal im Erdgeschoss, einst Sitz eines Geldinstituts, liefen ununterbrochen Filme jeden Genres zum Thema: von Klassik bis Action, vom Dokumentarfilm bis zur Komödie. Nach Sciencefictionfilmen (wie „Odysseus im All“ oder „Verliebte UFOs“) war es Pflicht, sich an Filmforen zu beteiligen, um die pseudowissenschaftlichen Aspekte herauszuarbeiten und darüber zu lachen. Sirius war es wichtig, Lächerliches oder Magisches als Anlass von Zwietracht bereits im Entstehen auszumerzen. Wer Videos unorthodoxer Produktionen auslieh, erhielt Informationsblätter mit der moralischen Verpflichtung, diese auch minderjährigen Familienmitgliedern vorzulesen. Im ersten Stock wurde eine öffentliche Bibliothek mit Lesesaal eröffnet. Es gab auch einen Raum mit Videospielen. Waren die Erwachsenen mit ernsteren Angelegenheiten beschäftigt, konnten sich die Kinder in eigenen Räumlichkeiten vergnügen – mit dem Malen von Bildern oder Wandklecksereien, mit klassischen Rutschen oder Schaukeln, all das natürlich in stellarer Aufmachung. Bis weit in die Nacht hinein war auch eine Bar mit angeschlossenem Restaurant geöffnet, die immer brechend voll waren. Jeder tote Winkel war belegt durch Verkaufstische oder kleine Kioske mit verschiedenen Angeboten. Verkaufsschlager waren T-Shirts, Schirmmützen, Schals, Produkte und Postkarten mit frechen Sprüchen und ausgefallenen Motiven. In den Räumen im dritten Stock fanden Seminare, Konferenzen, Diskussionen statt: mit Wissenschaftlern, Schriftstellern, Kardinälen, Politikern, Magiern. Auch Astronomen und Apollo- Astronauten gaben sich hier die Hand. Sirius stand mit der NASA in Verhandlung, um mitten bei Andromeda Stücke von Raumfahrtunternehmungen, ja sogar ein historisches Raumschiff ausstellen zu können. Zugunsten dieser Zusammenarbeit hatte er widerwillig dem kategorischen Imperativ der Amerikaner zugestimmt: die Auflösung der „Mondabteilung“! Andromeda hatte sie dank umfangreicher wissenschaftlicher und fotografischer Dokumentationen speziell über die Apollo- Missionen gerade zusammengestellt. Die Hauptthese: Der Mond sei noch jungfräulich und das Unternehmen von Armstrong und Aldrin im Jahr 1969 sei von einer Hollywood-Equipe in den unterirdischen Studios von Nevada gedreht worden. Schade! Die Sache hatte bereits weltweit Kreise gezogen und das Interesse an Sirius und seinem Team geweckt. Und die Nachforschungen versprachen noch weitaus irritierendere Enthüllungen. Nach sieben Jahren Erfahrung ist die Andromeda GmbH heute ein solides, nach wie vor innovatives Unternehmen. Bereits 3.567 Sterne wurden zugeteilt und die Firma hat keine Eile, die restlichen noch verfügbaren 6.333 zu übertragen. So groß ist die Nachfrage, dass sie diese Sterne, wenn sie wollte, in wenigen Monaten abstoßen könnte. Aber dazu wird es nicht kommen. Und ebenso wenig wird Andromeda das Maximum von 10.000 Sternen auch nur um einen einzigen anheben. Mit den Kreisen und Segmenten zu ihrer Identifizierung umspannen sie gleichmäßig das gesamte Firmament – wie die dichten Flugbahnen der Flugzeuge den Globus. Und schließlich bleibt die Zehntausend eine magische Zahl, die von Gott abgesegnete arithmetische Grenze. Seine dynamischsten Berater würden den Markt am liebsten um andere kosmische Einheiten erweitern – die schwarzen Löcher zum Beispiel, die mit ihren gewaltigen Ausmaßen und Auswirkungen auf ihre stellare Umgebung einen beachtlichen Erlös erzielen könnten. Sirius aber bleibt lieber mit beiden Beinen auf der Erde. „Ein schwarzes Loch zu verkaufen, ist wie der Verkauf einer ganzen Galaxie“, lautet seine Entgegnung. „Das ist so, als bitte dich jemand um einen Apfel, weil er mehr als diesen einen nicht braucht, und du überschüttest ihn mit einer ganzen Wagenladung davon.“ Sirius ist außerdem Traditionalist: „Die Natur der schwarzen Löcher, ja ihre Existenz selbst ist keineswegs sicher; die Zukunft könnte uns da manch verblüffende Überraschung vorbehalten. Ach was – Andromeda ist ein seriöses Unternehmen und bewegt sich auf sicherem Boden!“ Vor allem aber ist Sirius Romantiker: „Die schwarzen Löcher sind unsichtbar; nur durch ihre Auswirkungen kann man Rückschlüsse auf ihre Existenz ziehen. Womit wir uns beschäftigen, ist das Licht. Nur das Licht ist uns zugänglich. Das Dunkel ist beunruhigend und basta!“ Jede neue Idee von Andromeda zieht ein neugieriges Massenpublikum an. Sirius zügelt den Überschwang seiner Mitarbeiter; er will verhindern, dass das Hauptziel aus dem Blickfeld gerät. Auch wenn ihm bewusst ist, dass alles, was das Interesse an Sternen fördert, positiv ist. „Nur die Sterne können uns adeln, uns klarmachen, wie lächerlich unsere Gier nach Bruchstücken der aus kosmischer Sicht so winzigen Erde ist“, pflegt er zu kommentieren. Andromeda ist inzwischen so hervorragend und professionell organisiert, dass die Geschäfte ganz von alleine laufen. Sirius kann sich der Kultur und der Phantasie widmen. Auch wenn seine Anwesenheit im Haus für das Image und das Vertrauen, das er Neulingen wie Veteranen einflößt, wichtig ist. Zu humanitären Zwecken hat er den Club AUNNA (Andromeda-und-nicht-nur- Andromeda) gegründet. Mitglieder sind Sternenbesitzer, aber auch Aspiranten und Sympathisanten können beitreten. Es besteht kein Unterschied zwischen den einen und den anderen. Alle sind sie Andromedaner! Auf diese Weise besitzt Sirius eine machtvolle, angesehene Lobby. Würde er als Bürgermeister kandidieren, wählte ihn die Bevölkerung mit Begeisterung, ja – er könnte noch weiter aufsteigen! Aber mit der Politik hat er abgeschlossen und will nicht wieder damit anfangen. Sirius ist ein gutmütiger, knochiger und schmächtiger Riese, mit sonnigem Lächeln und kindlicher Natürlichkeit. Mittlerweile ist er mit einer bekannten Fernsehastrologin verheiratet, die er zu einer wissenschaftlicheren Annäherung an den Kosmos bekehren konnte. Sie nennt sich weiterhin Circe – ein Künstlername, den sie sich gegeben hatte, als ihr Erfolg begann – und ruft ihren Mann mit Spitznamen Odysseus. In der GmbH leitet sie eine der Abteilungen, springt aber als Joker auch bei allen anderen ein. Die beiden haben inzwischen vier Jahre alte Zwillinge. Das Mädchen heißt Proxima, der Junge Centaurus zu Ehren des nächstgelegenen Sterns, den die Eltern ihnen unter dem Vorbehalt lebenslangen Nutzungsrechts offiziell per notarieller Urkunde geschenkt haben. Die Sterne überstrahlen das gesamte Familienleben, auch wenn sich Sirius, um nicht als verrückt zu erscheinen, bemüht, das Ganze nicht zu übertreiben. Selbst in seiner Kleidung spiegeln sie sich wider. Die Krawatten etwa, die er täglich wechselt, sind zu einem Element des Images und der Bewunderung geworden. Mal bilden sie eine lachende Sonne ab, mal die Spirale einer Galaxie, mal einen gefächerten Sternennebel. Ausgedacht und für ihn geschneidert werden sie als Sonderanfertigung von einer Japanerin, die jede Anregung aufnimmt und mit orientalischer Anmut umsetzt. Die Schränke reichen nicht, um sie aufzubewahren; sie scheinen für ein Museum bestimmt. Nachts verbringt Sirius Stunden damit, den Himmel zu betrachten. Nicht mit dem Impetus des Mystikers oder des Poeten, sondern mit dem Wohlwollen des Vaters, mit der Nachsicht des Beichtvaters, mit dem Stolz des Wohltäters. Den Sternen hat er die eigene Existenz geopfert, und die Dankbarkeit, die ihm dafür entgegengebracht wird, erfüllt ihn mit Zufriedenheit, ja – es rührt ihn zu Tränen, wenn sie ihn über zitternde Lichtstrahlen erreicht. In einem solchen Moment versteht man, wie verliebt er in seine Mission im Dienst der Menschen ist, die Hand in Hand zu dem hingeführt werden müssen, was zählt. Und das, was zählt, ist unantastbar, in weiter Ferne. Mario Tamponi