Mario Tamponi Zurück
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Die Erschaffung eines Atoms Die Wiedergeburt von Pinocchio In dem Augenblick, als das Ereignis geschah, explodierte Adriano in einen Aufschrei der Freude und des Erstaunens – wie ein Mensch, der seine Geburt als Erwachsener, im Vollbesitz von Verstand und Gefühlen erlebt. Ihm war, als überflute das Licht des gesamten Universums sein Zimmer und nehme es in Besitz. Kaum hatte er sich wieder gefangen, fiel ihm nichts Besseres ein, als eine Flasche edelsten Champagners zu entkorken, sie zu schütteln, den schaumigen Nektar in die Höhe spritzen, sich wie von einem segensreichen Schauer benetzen zu lassen und den verbliebenen Rest in intensiven Schlucken zu genießen. Für dieses Ziel hatte er jahrzehntelange Studien und Experimente durchgeführt und Erbe und Vermögen, das er sich durch gewissenhafte Arbeit und ein genügsames Leben erworben hatte, eingesetzt. Seine Wohnung hatte er in ein mit allem Notwendigen ausgestattetes Laboratorium verwandelt: Destillierkolben, Kathodenstrahlröhren, Kühlaggregate, Sauggeräte, Luftverdichter, elektromagnetische Beschleuniger und ein Wald aus Hoch- und Niederspannungsdrähten hatten jede Nische und jeden Winkel erobert – vom Wohnzimmer bis zur Küche, vom Schlafzimmer bis zum Bad, von den Fluren bis zur Abstellkammer. Blätter mit Gleichungen, Grafiken und Aufzeichnungen tapezierten Tafeln und Wände; selbst von der Decke hingen sie herab, lösten sich manchmal und schwebten mit der Eleganz von Möwen zu Boden. Ein einziges Mal war er so leichtfertig gewesen, ein paar seiner seriösesten Freunde mitzubringen, aber sofort verbreitete sich das Gerücht, die Forschung sei ihm zu Kopf gestiegen. Der Hausbesitzer behielt ihn im Auge; er hatte den leisen Verdacht, dieser schweigsame und extravagante Mieter erbaue mörderische Apparaturen für wen auch immer: Diese Art der Wissenschaft stank ihm nach Terrorismus. „Wo man Verdacht schöpft, kann man nicht vorsichtig genug sein“, sagte er und spionierte ihn mit Prismengläsern sowohl selbst als auch durch Dritte unterstützt durch dessen halb geschlossene Fensterläden aus; für die Nacht hatte er sich Infrarotkameras zugelegt. Mehr als einmal hatte Adriano die Aufregung dieser Schnüffler gespürt, ohne sich sonderlich darum zu kümmern – ebenso wenig wie er sich um die plumpen Hampelmänner aus Kinderzeiten kümmerte, die Staub überzogen an den Schränken hingen, aber der von Kalkulationen und Differentialrechnungen geschwängerten Luft einen Hauch von Menschlichkeit verliehen. Das Ereignis jetzt entschädigte ihn für alles: Er hatte das Atom erschaffen! Ein einziges, aber echtes Atom, mit seinen Protonen, Neutronen und Elektronen, mit seiner Persönlichkeit und seiner autonomen Erhabenheit. Ursprung des Abenteuers war eine starke Intuition gewesen, eher eine poetische Eingebung als eine mathematische Erkenntnis. Er selbst war nie in der Lage gewesen, sie zu formulieren; er hatte sich darauf beschränkt, ihr ergeben, Schritt für Schritt zu folgen. Je näher er dem krönenden Abschluss kam, desto mehr schien sich die stets aufmerksame Muse diskret verflüchtigen zu wollen, um Adriano das Geschöpf seiner grenzenlosen Hingabe zu überlassen: das Atom. Er beeilte sich, es Nesio zu nennen, was der Name seines Erstgeborenen geworden wäre, wenn er der Wissenschaft ein normales Eheleben vorgezogen hätte. Aber wo steckte der gerade erschaffene Nesio? Unmöglich, ihn zu finden. Er sagte kein Wort und war so winzig, dass man ihn nicht einmal unter dem Elektronenmikroskop hätte ausfindig machen können. Trotzdem war er nicht kleiner als alle anderen Atome, die sich ihm als unendliche Menge an die Seite gesellten. Adriano hätte ihn so gerne wenigstens für einen Augenblick liebkost, ihn fotografiert, um das Familienalbum zu bereichern. Im entscheidenden Augenblick der Geburt hatte er noch nicht einmal Gelegenheit, genau Masse, Charakter und Begabung zu bestimmen – in der Euphorie war er ihm einfach aus der Hand gesprungen. Die einzige Gewissheit bestand darin, dass Nesio nicht aus einer rein physischen Transformation hervorgegangen, sondern aus dem Nichts entsprungen war. Es war Tatsache, dass sich die Energie des Neugeborenen derjenigen der zuvor existierenden Elemente angeschlossen hatte; das sagten die Berechnungen aus, vor allem der eindeutige Entstehungsprozess. Adriano hatte allen Grund zu glauben, dass es sich keineswegs um eine Übertragung oder Umwandlung von Masse gehandelt hatte, er war jedoch nicht in der Lage, dies anderen zu zeigen, geschweige denn zu beweisen. Nicht einmal auf die öffentliche Zeugenschaft eines unsichtbaren und verschwiegenen Nesio konnte er zählen. Um die Beamten im Patentamt zu überzeugen, hätte er wieder ganz von vorn beginnen müssen, wie vor vielen Jahren, ohne Nutzen aus dem begangenen Weg ziehen zu können. Sogar die Abfolge der einzelnen Phasen hatte er vergessen, auch weil der Zufall und das Zusammenwirken von Zufall und Unvorhersehbarem im Ganzen den entscheidenden Part gespielt hatten. Vielleicht hielt sich Nesio gerade voller Dankbarkeit in seiner Nähe auf oder er war fortgegangen, um das Leben eines Einzelgängers zu führen. Vielleicht hatte er, begierig nach Freiheit, mit der Dreistigkeit des verlorenen Sohns das Weite gesucht. Oder er hatte sich bereits mit Gefährtinnen zusammengetan, um ein Molekül zu bilden, eine sichere Familie, in aller Stille, ohne jede Ankündigung. Wer weiß, welche Familie und in welchem Haus? In einem Kieselstein, im Saft eines Grashalms, im Flügel einer Fliege, im Rückenmark eines Freundes oder eines Mörders, im Magma eines Vulkans oder in den Strudeln eines der vielen Meere, die die Erde umfließen? Eines war sich Adriano gewiss: Sein Nesio würde sich nicht ins Nichts auflösen – er dachte daran mit der Liebe eines Vaters, der blind an die Unsterblichkeit des Sohnes glaubt. Nesio würde wie jedes andere Urelement seinen Erzeuger und die gesamte Menschheit überleben. Seit dem Tag dieses Ereignisses sind inzwischen viele Jahre vergangen. Bis heute fühlt sich Adriano als Schöpfer, aber nicht wie ein Künstler, der auf Leinwand oder in Marmor, in Versen oder Noten Ideen, Bildern, Geistern Gestalt gibt: diese erlöschen, wenn eine Inspiration nachlässt und kein Gleichgesinnter da ist, der sie wieder aufflammen lässt. Er dagegen hat ein körperliches Wesen erzeugt, das vorher nicht da war und jetzt unzerstörbar existiert, das, mikroskopisch klein, doch die gesamte Struktur des Kosmos, die Harmonie des Lebens in sich trägt. Nach wie vor lehnt er es ab, mit jemandem darüber zu sprechen, um nicht als Spinner abgetan zu werden, aber die Gewissheit darüber, was er geschaffen hat, würde er selbst gegen alles Gold und jeden Ruhm der Welt nicht eintauschen. Seine Kollegen zieht er nicht ins Vertrauen, auch jene nicht, die sich mit den extremen Grenzgebieten der Wissenschaft beschäftigen, mit den bizarren Phänomenen der Quantenfelder oder der schwarzen Löcher. Sie misstrauen allem, was nicht verifizierbar ist und nicht in die Logik bestimmter theoretischer Modelle passt. Außerdem befürchtet Adriano, dass sie seine Schöpfung nur als Technik anerkennen und auf die Idee der Antimaterie kommen könnten, in der Absicht, diese herzustellen: nicht um das Vorhandene zu erweitern, sondern um es zu zerstören. Ein Enthusiasmus wie der seine für das Sein und die unüberwindbare Schwelle zum Nicht-Sein ist auch unter Wissenschaftlern selten; fast alle stehen im Dienst begüterter Sponsoren und forschen auf die eine oder andere Weise für den Nobelpreis und den Ruhm, für die Industrie des Konsums, der Eroberung und des Kriegs. Universitätsprofessoren, wie sie in komplexen Forschungseinrichtungen mit Heerscharen von Mitarbeitern tätig sind, mit Dauertests für Erfindungen in Serie, hochempfindlichen Apparaturen und protzigen Vergeudungen, würden ohnehin a priori Lektionen eines Autodidakten mit Hausmannsmethoden ablehnen. „Die spezielle Relativitätstheorie entwickelte Einstein als Träumer, als er bescheidener Angestellter eines Patentamts war“, wiederholt sich Adriano, um sich Mut zu machen. „Für die großen Visionen muss man den Kopf frei haben von Routine und Überheblichkeit; Kreativität ist mit der Mentalität eines Beamten nicht kompatibel“, raunt er seinen Freunden zu, ohne Nachsicht zu erwarten. Mit der Seele eines Bürokraten hätte er nie jenen echten Qualitätssprung in der Geschichte der Menschheit verwirklichen können, radikaler als jeder andere wünschenswerte Umbruch! Adriano, der zwar die Möglichkeit ausschließt, Roboter mit Subjektivität und Freiheit auszustatten, ist durchaus der Ansicht, dass der Schöpfer, so eifersüchtig er auch sein mag, dem nach seinem Abbild geschaffenen Menschen die Fähigkeit verliehen haben könnte, ihn nachzuahmen und Bruchstücke des Seins zu erschaffen. Erzeugen wir im Übrigen nicht bereits die Welt aus dem Nichts, wenn wir sie wahrnehmen oder wenn wir morgens aus dem Schlaf erwachend neu geboren werden und uns dem Licht der wiederkehrenden Sonne zuwenden? Und zerstören wir sie nicht, wenn sich das Bewusstsein trübt oder wir es verlieren? Ist nicht unser eigenes Ende zugleich die Apokalypse? Adriano weiß, dass ihm der Schöpfer mit der Schaffensfähigkeit auch die des Sterbens verliehen hat, ob in ein paar Monaten oder Jahrzehnten, aber dass sein Nesio ihn über die Jahrmilliarden der Zukunft hinaus überleben wird, bis zum nächsten Urknall und vielleicht darüber hinaus. Wer weiß, ob nicht Nesio selbst dazu bestimmt ist, dank seiner im Lauf der Zeit aufgeladenen Energie einen solchen Urknall auszulösen: Auch ein mikroskopisch kleiner Superstring, heißt es, kann der Ursprung eines sternenübersäten Universums sein! Adriano offenbart sich noch nicht einmal seinem Beichtvater. Ein Priester ohne die überlegene Weisheit eines Jesus oder jene demütige eines heiligen Franziskus von Assisi würde ihn ohne Zweifel wegen Blasphemie verurteilen; für die offizielle Kirchenlehre ist Schöpfung das Vorrecht Gottes und basta. Eine solche Verurteilung röche ihm nach Verbranntem – wie die Scheiterhaufen von einst, als sich die Geistlichen daran ergötzten, Menschen wie Giordano Bruno auf öffentlichen Plätzen hinzurichten. Oh ja, ein wenig Neid überkommt Adriano angesichts des Stolzes jener Ketzer! Manchmal träumt er von der Hitze der Flammen, vom Körper des Geopferten, wie er knisternd über der Glut zusammenbricht, vom Beifall dieser verdammten, zynischen Zuschauer… Und im Hintergrund der halblaute Gesang des „Miserere“ der Mönche und Kleriker, die das schlechte Gewissen der Mächtigen und die Heuchelei ihrer Paladine mit Mitleid verhüllen. Ein wenig bedauert er, dass die adrianische Revolution – die Geburt von Nesio – dazu bestimmt sein soll, in den vier Wänden einer kleinen Wohnung im dritten Stock eines beliebigen Hauses eines beliebigen Viertels einer beliebigen Stadt verborgen zu bleiben. In solche Gedanken versunken wird er vom Klang der Weihnachtsglocken aufgerüttelt, der das Dunkel der Stadt durchbohrt und sich feierlich verbreitet – wie von einem Kirchturm hoch auf den Bergen aus, dessen Umrisse sich vor dem Firmament abzeichnen. Hastig macht er sich auf den Weg zur Mitternachtsmesse. Die kahle Grotte von Bethlehem, die Anbetung der Hirten, die Hymne der Engel, die ihn zur Versöhnung mit sich und mit der Menschheit ermutigen, gehen ihm nah. Dort, bei der Krippe, könnte er auch Nesio wiederfinden. Mario Tamponi