Mario Tamponi Zurück

Die Schuld

Im Labyrinth des Gesetzes

Der Saal ist lang, etwas abschüssig, ohne Fenster, mit Reihen klappriger Sessel aus rotem Samt. Wie in so vielen alten Kinos, die leicht nach Muff riechen. Abgehetzt betritt Guglielmo den Raum und durchquert ihn im Laufschritt über den Mittelgang. Er glaubt, spät dran zu sein. Als er unterhalb der Bühne ankommt – sie wird bereits von einem billigen Scheinwerfer beleuchtet – nimmt er wahr, dass dort oben nur sein Anwalt ist. Guglielmo begrüßt ihn mit einer gekünstelten Verbeugung und den Worten „Allerverehrtester Herr Meier!“. Aber der Anwalt lässt sich nur ein „Ach Sie“ und ein förmliches, fast schon angewidertes Lächeln entlocken. In der Tat hat Guglielmo ihn von seinen Akten abgelenkt, die er mit der peniblen Sorgfalt eines Bibliothekars durchblättert. Anwalt Meier vergleicht die Akte mit dem Inhalt anderer Ordner, von denen sein Tischchen überquillt und die ihm die Sicht auf den Zuschauerraum erschweren. Die Bifokalbrille, die sich auf der Nasenspitze in einem instabilen Gleichgewicht befindet, unterstreicht die Wirkung des schmalen Gesichts und des unecht aussehenden Mongolenschnäuzers. Die Äuglein hinter den Linsen kreisen hin und wieder in Richtung der wenigen Zuschauer im Halbschatten, die alle in gebührendem Abstand zum Nächsten sitzen. Er erträgt nicht, wenn jemand gähnt, um damit den Einzug des Hohen Gerichts anzumahnen. Guglielmo war einige Male in seiner Kanzlei, das letzte Mal vor etwa einem Monat. Sie befindet sich im vierten Stock eines repräsentativen Gebäudes mit etwas undurchsichtigen Unternehmen. Das hohe und mit pompösem Stuck verzierte Wartezimmer war voll der Farben der Werke eines unbekannten, aber wie ein künftiger Picasso präsentierten Malers. Jedes Bild war mit einem Preis ausgezeichnet. Ein Preisschildchen klebte auch am Tisch in der Mitte und an einem der Rokoko-Schränke. Unter den Menschen, die den Raum bevölkerten, gab es keinerlei Unterhaltung. Die Anspannung in ihren Gesichtern erinnerte an das süßlich nach Desinfektions- und Betäubungsmitteln riechende Wartezimmer eines Zahnarztes. Guglielmo hatte den ganzen Tag gewartet, bis er an die Reihe kam. Für ein wie üblich eiliges Gespräch. Er hatte sich darauf beschränkt, die Quizfragen des Anwalts zu beantworten, der gerade damit beschäftigt war, Erklärungen in den Computer einzugeben und Briefe für die Sekretärin ins Diktaphon zu sprechen. Von zusammenhanglosen Fragen durcheinandergebracht, hatte Guglielmo nicht einmal damals Gelegenheit, den beanstandeten Sachverhalt logisch und in seiner tatsächlichen Abfolge darzulegen. Aus den Bemerkungen seines Anwalts glaubte er zu verstehen, dass es seinen Fall gar nicht mehr gab bzw. er irrelevant, ja sogar langweilig geworden wäre. Stattdessen hatte er sich in einen virtuellen, nicht greifbaren und für jede mögliche Veränderung offenen verwandelt. Was ihm an und für sich nicht missfiel, fühlte er sich doch von der Last befreit, auch dessen unangenehme und konfuse Aspekte zu rekonstruieren. Auf seine schüchternen Einwürfe hin erwiderte Herr Meier mit Nachdruck, dass die Wirklichkeit simpel wäre und sich in eine begrenzte Anzahl von Varianten einordnen lassen würde. Mit Hilfe einer entsprechenden Software hatte er sie alle katalogisiert. Das einzige Problem bestand darin zu entscheiden, in welche Rubrik ein neuer Klient einzutragen wäre. Um diese Frage zu lösen, reichten ihm aber die wenigen Indizien des ersten Gesprächs. Die Details wären nichts weiter als ein Blablabla, das vom essentiellen Schema ablenken könnte. „Der Mensch ist vor allem eine Rechtsfigur. Absichten, Gefühle, Ideale, Bewusstsein, all das ist Weiberkram“, stellte er mehr als einmal in sarkastischem Ton fest. Auch das System der Verteidigung war für ihn ein Kinderspiel. Jeder Rubrik entsprach ein Typ von Plädoyer mit vorher festgelegten Modalitäten. „Weshalb Zeit verlieren, um die Welt neu zu erfinden? In der forensischen Kunst geht man auf Nummer sicher, wenn man bewährte Schemata und die dazugehörige Rhetorik wiederholt.“ Ab und zu wurde das Gespräch von Klienten unterbrochen, die in Begleitung der Sekretärin eintraten, ohne vorher anzuklopfen. Sie kamen, um über den Preis für eines der Bilder zu verhandeln oder wegen eines anderen Nebengeschäfts. So lagen auf dem Schreibtisch Armbanduhren aus der Schweiz und aus Russland, die der Anwalt, als befänden sie sich rein zufällig dort, zum Kauf anbot. Wurde die Unterhaltung konkret, zog er, ebenfalls rein zufällig, aus Jacken- und Hosentaschen mit dem Geschick eines Varietékünstlers eine Vielzahl weiterer Uhren hervor. War das Geschäft getätigt, wollten die Gäste nicht länger stören, und Herr Meier verwandelte sich mit einem kleinen Räuspern wieder zum Anwalt. Anschließend war es für ihn ein Leichtes, dank der Rubriken den Gesprächsfaden wiederaufzunehmen. Man spürte, dass Guglielmo ihm unsympathisch war. Vielleicht lag es daran, dass er nie einen Funken Interesse an den Bildern, den Uhren und dem ganzen Rest gezeigt hatte, nicht einmal für die Reize der Sekretärin, einer koketten und scheinbar bereitwillig verfügbaren Person. Bei der Verabschiedung überreichte sie ihm aus Mangel an anderen Dingen die Rechnung, die Stunden, die er im Wartezimmer verbracht hatte, inklusive. Und sie ermahnte ihn zu zahlen, inbrünstig wie eine Rotkreuzschwester, die ihr Leben den Hungernden in Biafra geweiht hatte. _______________ Aber zurück zum Gericht, wo unter dem ungeduldigen Gemurmel des Publikums endlich der Gerichtshof erscheint. Herr Meier springt auf und setzt wie ein unbeholfener Zeremonienmeister zu Ehrbezeugungen an. Seine viel zu lange Robe behindert seinen Gang, sodass er ihn in winzige Schritte unterteilt. Ständig rückt er die Brille auf seiner knorpeligen Nase zurecht und gefällt sich in seiner Rolle in dem Haus, wo „GLEICHES RECHT FÜR ALLE“ herrscht. Dieser Slogan steht in riesengroßen Buchstaben auf einem verschlissenen Spruchband, das mit Schnüren und Knoten ungeschickt am Bühnenhintergrund befestigt ist. Im Lauf der Zeit lösten sich die letzten beiden Buchstaben, sodass aus „ALLE“ „AL“ wurde, was auch der Name einer wichtigen Person, vielleicht sogar der des Richters sein könnte. Als die Gerichtsmitglieder neben dem Anwalt an weiteren zum Zuschauerraum ausgerichteten Tischchen Platz nehmen, sitzt der Richter tatsächlich auf dem Regiestuhl direkt unter „AL“. Guglielmo erkennt die unterschiedlichen Dienstgrade am Pomp der Roben und ihrer Farben, die von Kardinalrot bis Amarant, von Braun zum weiß gesäumten Schwarz reichen. Und an der Dicke und Zahl der Troddeln, die von der Schulter hängen und mit ihrem Schaukeln den Bewegungen einen tänzerischen Rhythmus verleihen. Die Unterschiedlichkeit der Körperumrisse besticht: vom kugelrunden des Richters über den schmächtigen der beiden Gehilfen und den abgemagerten des Staatsanwalts bis zum luftigen des Verteidigers. Eine Palette, die sich als Pluralismus der Sichtweisen interpretieren lässt, welcher es der Justiz erlaubt, die zu verhandelnden Fälle abzuwägen und gleichen Abstand zu den Extremen zu halten. Die Gerichtsmitglieder sprechen in freundlichem Ton miteinander und beziehen in ihre Witzeleien auch den Rechtsanwalt mit ein, der allmählich etwas aufgeknöpfter wird und schließlich in laut schallendes Gelächter ausbricht. Guglielmo ist stolz, dass sein Verteidiger, Hierarchie beiseite, einer von ihnen ist. Da wird eine Einigung einfacher sein, denkt er, und die Streitsache kann bald abgeschlossen werden. Inzwischen vervollständigt eine Frau, vielleicht die Assistentin des Richters, die Einrichtung. Neben das Spruchband nagelt sie ein Kruzifix an und befestigt ein abgenutztes Foto des Staatspräsidenten, dem allerdings zwei Schneidezähne fehlen. Wahrscheinlich hat sie jemand bei der vorhergehenden Sitzung aus Spaß mit einem Stift dunkel übermalt. Aber der ästhetische Makel scheint die Frau nicht weiter zu stören. „Was bedeutet schon Schönheit? In der Justiz zählt die Autorität! Und schließlich muss ich ihn ja nicht heiraten!“, kommentiert sie zur allgemeinen Erheiterung. Sie scheint sich ihres Charmes durchaus bewusst zu sein. Obwohl sie wie eine Kirchendienerin gekleidet ist, stellt sie ihr Dekolleté und den Rockschlitz zur Schau, so gut sie kann. Als sie wieder neben dem Anwalt Platz nimmt, schlägt sie die schlanken Beine übereinander und entblößt sie seitlich bis hinauf zum Spitzensaum ihres Slips. Aus der ersten Reihe applaudiert ihr dazu einer der inzwischen zahlreicheren Zuschauer. Guglielmo hat sich in die drittletzte Reihe gesetzt, um einen ausreichenden Abstand zu alledem zur Schau zu stellen. Von dort aus hört er fast nichts. Er versteht nur, was er dem Verhalten und den Stimmungen des Gerichts und des Anwalts entnehmen kann. Wobei die meiste Zeit die Sekretärin, deren rot geschminkte Lippen aus der Entfernung hervorstechen, seinen Blick auf sich zieht. Er hat das Gefühl, sogar ihr Parfüm zu riechen. Ein Hauch von Eifersucht überfällt ihn, als der Anwalt über das notwendige Maß hinaus mit ihr vertraulich wird. Obwohl das Äußere der beiden so wenig harmoniert wie Teufel und Weihwasser. Jetzt ist die Nationalhymne an der Reihe, die ohne Vorankündigung aus den Lautsprechern seitlich der Leinwand ertönt. Sie scheint vom Kassettenrekorder zu kommen, den einer der Menschen in Robe von seinem Tischchen aus in Gang setzt. Die Mitglieder des Gerichts springen auf und halten sich die rechte Hand an die Brust, um ihren Herzschlag zu zählen; die linke lassen sie wie gelähmt nach unten hängen. Auf dem Höhepunkt der Wiedergabe verknäult sich die Musik, wird langsamer, krächzt. Einige lächeln belustigt, andere wenden sich pikiert dem Techniker zu, der sich an den Tasten verhaspelt. Mit resignierter Geste gibt der Richter zu verstehen, dass es reicht, und eröffnet die Sitzung. Guglielmo spürt plötzlich, wie ihn ein fiebriger Schauer durchläuft. Eben noch hatte er Gelegenheit, sich von der schlimmen Vorahnung abzulenken, die sich in seinem Magen eingenistet hatte. Jetzt, da das Vorspiel abgeschlossen ist, sieht er sich einer peniblen und unerbittlichen Maschinerie gegenüber. Die dunkle Ahnung, dass diese noch einmal ihn betreffen könnte, wird zur Gewissheit, als der Richter heftig gestikuliert, um ihn zu sich zu rufen und seinen Personalausweis zu verlangen. Guglielmo unterdrückt seine Aufregung und tastet sich, um seinen guten Willen zu zeigen, überall ab. Eigentlich hatte er gedacht, der Ausweis sei überflüssig: In Anbetracht der vielen Verhandlungen sollte sein Gesicht als Bürgschaft ausreichen! „Ich muss ihn zu Hause gelassen haben“, stammelt er. „Gehen Sie ihn holen, wir haben Zeit!“, fordert ihn der Richter heraus und streicht sich dabei genüsslich den Bauch. Auch der Anwalt schleudert ihm mit sich erweiternden und gen Himmel rollenden Pupillen eine Botschaft der Verachtung zu: „Heilige Jungfrau Maria! Das fängt ja heute gut an!“ Von der ungewohnten Religiosität des Herrn Meier überrascht, eilt Guglielmo, während die Verhandlung mit einem schwülstigen Vortrag beginnt, zum Ausgang. „Der Staatsanwalt spricht“, flüstert jemand, um die weniger Sachkundigen im Zuschauerraum aufzuklären. In Kängurusprüngen bahnt sich Guglielmo seinen Weg durch die von Fremden und Prostituierten bunt belebten Straßen und Gassen. Dabei denkt er darüber nach, was ihn noch alles erwartet. Seine direkte oder indirekte Beteiligung an dem Verbrechen ist klar. Ein so kolossaler Justizapparat bewegt sich nicht umsonst! Nur weiß er nicht mehr, um welches Verbrechen und um welche Beteiligung es geht. Vielleicht war es der Anwalt, der ihn Faden und Erinnerung verlieren ließ. Und was, wenn Herr Meier bei der virtuellen Rekonstruktion aus Zerstreutheit auch nur einen Spalt zur Realität offen gelassen haben sollte? Um Überschneidungen zwischen Virtuellem und Realem zu vermeiden, wird Guglielmo im Verhör gewisse Details verschweigen und hoffen müssen, dass dies keinem der Herren vom Gericht durch logische Schlussfolgerung oder irgendein Indiz auffällt. Bei dieser Verhandlung wird er damit noch einmal durchkommen, aber andere werden folgen. Wer weiß, mit welchen Fragen sie versuchen werden, ihn mit dem Rücken an die Wand zu drängen. Wenn er wenigstens wüsste, was er zu verbergen hat! Dann könnte er sich immerhin darauf vorbereiten, nach einem logischen Muster zu verneinen oder sich ein Alibi zu verschaffen. Aber so wie die Dinge stehen, kann ihn alles, sogar das, was ihm harmlos erscheint, kompromittieren. Sein Herz schlägt so stark, dass es in den Ohren hämmert. Gäbe es diesen Spalt nicht, wäre viel gewonnen! Im Grunde müsste der Computer des Anwalts die lückenhaften Stellen ausfindig machen und ergänzen. Aber kann sich eine so übereifrige Justizmaschinerie mit einem Freispruch aus Mangel an Beweisen zufrieden geben? Das wäre ja wie ein Stierkampf ohne Niederlage des Stiers. Nur ein Schuldspruch könnte die Anstrengungen von Ermittlern und Richtern krönen. Nur ein solcher würde auch dem Anwalt bei seinem Versuch zur Ehre gereichen, einen Schuldigen zu retten, indem er das Verfahren durcheinanderbringt und die Angelegenheit in die Länge zieht. Zu banal wäre hingegen die Verteidigung eines Unschuldigen in einem Fall ohne Substanz. Jetzt schlägt Guglielmo das Herz bis zum Hals, trocknet ihm die Kehle aus. Seine Hopser werden langsamer und wackliger. Unterwegs erwidert er eilig den Gruß der vielen Menschen, die ihn kennen. „Meine Hochachtung, Herr Ingenieur. Findet denn heute keine Verhandlung statt?“, fragt ihn zuvorkommend ironisch der Metzger. Auf der Schwelle seines Ladens genießt er die ersten Sonnenstrahlen und tratscht mit dem Inhaber des angrenzenden Bestattungsunternehmens über die Passanten. „Gewiss, wie immer“, antwortet Guglielmo trocken und stößt die Haustür auf. Im zweiten Stock findet er die Tür zu seiner Wohnung weit aufgerissen. Er weiß nicht, ob es Eindringlinge waren oder seine eigene Zerstreutheit. Zum Nachdenken hat er keine Zeit. Aber es beunruhigt ihn doch, dass seine persönlichen Unterlagen entgegen seiner Gewohnheit unordentlich und zum Teil auf dem Fußboden verstreut herumliegen. Als er die Treppe wieder hinuntergeht, bemerkt er, dass sein Briefkasten zum Bersten voll ist und steckt zwei zu Boden gefallene Briefumschläge in den Schlitz zurück. Seit über einer Woche hat er den Briefkasten nicht mehr geöffnet, um sich nicht auf die üblichen, ihn mit Fragen bedrängenden wortreichen Briefe von Gerichten und Anwälten des Strafprozesses und zahlloser Zivilprozesse einlassen zu müssen. Allesamt – Anklage, Verteidigung, Richter – scheinen sich zu einem Dschungel von Einschüchterungen verbündet zu haben, um ihm Geld und Luft zu nehmen. Vor vielen Jahren hatte er den Briefkasten mehrmals am Tag geöffnet; Korrespondenz bedeutete für ihn Kommunikation, Freundschaft. Jetzt träumt er von einer Welt oder einer Zukunft, in der sie wie auch immer abgeschafft werden kann. ____________________ Als er ins Gericht zurückkommt, müssen mindestens zwei Stunden vergangen sein. Aber niemand scheint ihn zu bemerken und auch der Richter kümmert sich nicht mehr um seinen Ausweis. Guglielmo verkrümelt sich an seinen alten Platz wie in ein sicheres Nest. Das Gericht analysiert gerade auf der Leinwand einen Film, der den Angeklagten beim Abspielen der Nationalhymne zeigt. Guglielmo denkt nach: Eine fest installierte Kamera kann ihn nicht aufgenommen haben, weil er seinen Platz zufällig gewählt hat. Suchend blickt er sich nach dem getarnten Kameramann um. Der Staatsanwalt kommentiert mit ernster Miene die Bilder von Guglielmo, wie er dasitzt, die Hände in den Taschen, ohne irgendeine emotionale Anteilnahme. Von wegen Hand auf der Brust! Er steckt den Finger in die Nase. „Er hat sogar gelacht, als der Kassettenrekorder ins Stottern geraten ist, als ob die Unterbrechung eine Erleichterung für ihn gewesen wäre“, schließt der Mann in Robe. Ein Augenzeuge beschreibt anschließend das Verhalten des Angeklagten, wie er ihn beobachtet hat. „Während der ganzen Dauer der Hymne hat er sich auf den Busen der Frau konzentriert“, schwört er mit der Entschiedenheit des unfehlbaren Sachverständigen. Es ist das erste Mal, dass das Gericht in diesem Prozeß überraschenderweise das ausführt, was in der Fachsprache „Gegenprobe“ oder „Psychologie im Reagenzglas“ genannt wird. Guglielmo würde den Film gerne noch einmal sehen, um besser zu verstehen, wo er Fehler begangen hat, und um sich zu entschuldigen. Aber er wagt es nicht, von hinten laut in den Saal zu rufen und darum zu bitten. Und außerdem: Eine gewisse Besorgtheit durchsickern zu lassen, könnte ein nicht wiedergutzumachender Fauxpas sein. Offensichtlich aus Sicherheitsgründen bleibt die Tür zum Nebensaal geöffnet. Obwohl der Raum durch einen schweren Vorhang abgetrennt ist, dringen das Palaver der Dialoge und der Sound des Films herüber. Der Außenwerbung nach zu schließen, muss es sich um einen Kriegsklassiker mit einer rührseligen Story handeln. Je lauter der Lärm, desto mehr wird die Stimme des Gerichts auf der Bühne übertönt. Ihres Tons beraubt, bewegen Richterschaft und Anwalt Lippen und Körper weiter wie in einem Puppentheater oder einem Stummfilm. Sie scheinen um die schauspielerische Wirkung ihrer Gesten bemüht, um die Aufmerksamkeit der Zuhörer zu fesseln. In ihren Gesichtern liest man Freundschaft, Nachsicht, Zustimmung, Missbilligung, Mitleid, Empörung. Nur dem Justizbeamten mit der gewöhnlichsten Robe gelingt es, seine Stimme überallhin vordringen zu lassen. Sie krächzt wie die einer alten Schallplatte, die statt mit 33 mit 45 Umdrehungen abgespielt wird. Seine Mandelaugen verraten eine leicht orientalische Herkunft. In regelmäßigen Abständen kommt der Verkäufer aus dem Kino nebenan mit Coca Cola, Schokoladeneis und Erdnussflips durch die Trenntür, um seine Runde im Gerichtskinosaal zu beenden. Der Richter hofft, dass die Justizreform Imbissstände auch für die Verhandlungssäle vorsieht. Er hält es für wichtig, Gerichtsangehörigen und Rechtsanwälten angenehme Pausen zu ermöglichen, um Sitzungen bis zur physischen Erschöpfung fortsetzen zu können. „So würde die Justiz schneller, ergo gerechter, ergo humaner“, lautet sein Kommentar. Die Kollegen stimmen ihm zu. Jetzt ist der Anwalt an der Reihe. Er erhebt sich und rückt dabei die scheinbar noch länger gewordene Robe zurecht. Indem er sich mit großer Geste die Ärmel hochzieht, gibt er mit dem Stolz eines Großauktionators den Blick frei auf eine enorme Uhr, die ihn nach links aus dem Gleichgewicht zu bringen scheint. In der allgemein gehaltenen Vorrede über die Bürgerrechte bezieht er sich auf Cicero, den er auf Lateinisch zitiert. Den vorliegenden Fall streift er kaum, so als habe er ein angeborenes Schamgefühl für konkrete Dinge. „Verlieren wir uns nicht im Offensichtlichen und Banalen“, säuselt er störrisch und pumpt dabei soviel Luft wie möglich für die nächsten Höhenflüge seiner Eloquenz in die Lunge. Er zitiert Gesetzesparagraphen. Er kommt auch auf Politik zu sprechen, stellt These gegen Antithese. Er versucht allen zu gefallen. Er liest in den Augen eines jeden Einzelnen die Reaktionen auf seine Ausführungen, um die folgenden abwägen zu können. Nicht etwa, dass er sie komplett erfinden würde – er fügt einfach ein „Nein“ hinzu, ein „Vielleicht“, ein „Um Himmels willen“, ein „Man könnte meinen, aber...“. Er wechselt und verstellt den Tonfall. Seine Stärke scheint jener gramerfüllte Klang zu sein, wenn die Stimme zittrig und hohl wird. Ab und zu nimmt er die Brille ab und reibt sich die Augen. Dabei überlässt er es der Phantasie der anderen, darin Rührung oder Verzweiflung zu sehen. Die Männer und die Frau des Gerichts folgen ihm hingerissen; seine Bravour brilliert wie eine Blume im Knopfloch für den gesamten Berufsstand. Einer unterbricht ihn mit ein paar harmlosen Entgegnungen und der Bescheidenheit des Komparsen, um ihm zu ermöglichen, seine Ansprache in wohlschmeckende Häppchen zu unterteilen. Der Anwalt reagiert emphatisch und weist auf den Haufen Papier vor ihm: „Und wir, wir werden Dutzende von Verhandlungen einberufen und immer wieder in die Berufung gehen zu Ehren von Recht und Gesetz und zu Ehren der Unschuld jenes armen Teufels vor uns!“ Beim Lesen reicht er der Gerichtsassistentin neben ihm ein Blatt seines Manuskripts nach dem anderen. Sie stapelt sie mit der Linken, während sie mit der Rechten fortfährt, eine brummende kleine, Papier ausspuckende Rechenmaschine zu bedienen. Scheinbar hat auch für das Gericht jede gesagte oder gedachte Zeile einen sakrosankten kommerziellen Wert. Guglielmo kommt die Popularität seines Anwalts gelegen, auch wenn ihm der Sinn der wenigen Worte, die er hören kann, entgeht. Er findet es jedoch seltsam, dass der Anwalt ihm nicht ein einziges Mal den Blick zugewandt noch ihn namentlich angesprochen hat. Schließlich ist er es, Guglielmo, der für alle zahlt. Die Justiz hat sein gesamtes Vermögen verschlungen, das Häuschen am Meer, in das er die letzten Ersparnisse investiert hat, das Auto. Sie hat sogar die Bedarfsgüter und seine Lieblingshobbys angeknabbert. Und wer weiß, welche Akrobatien er für die laufenden Prozesse noch machen muss! Dennoch erstickt er die Rebellion im Ansatz und gesteht jedem das Recht auf die eigene Rolle zu. Allerdings hat er Angst davor, einer auf der Bühne könne ohne Vorwarnung ein Urteil fällen oder auch nur einen Antrag auf Verurteilung stellen. Deshalb lenkt er seine Augen wie bange Antennen in ihre Richtung. Glücklicherweise scheint zumindest heute niemand etwas Derartiges zu beabsichtigen. Rhythmisch die Unterkiefermuskeln anspannend, kaut der Staatsanwalt einen Kaugummi. Ab und zu zieht er diesen mit erfahrenem Griff aus dem Mund, um die Ausmaße zu begutachten; dann steckt er ihn mit dem erneuten Vorsatz des Verschlingens zurück. Er wirkt versunken in das Nachdenken über die Unzerstörbarkeit der Dinge. Die Sitzung hat sich inzwischen bis zur Schläfrigkeit des Gerichts und zum Überdruss des Publikums hingezogen. Die Mehrzahl der Zuschauer scheint aus früheren Gerichtskunden zu bestehen. Vielleicht kommen sie hierher zurück, um sich ihre Wunden zu lecken. Oder um ihre Einsamkeit zu lindern, indem sie sich ideell mit denen verbünden, denen dasselbe Schicksal widerfährt. Sie sind den Richtern und ihrer Art, Zuckerbrot und Peitsche auszuteilen, immer noch zugetan. Mancher hat vielleicht noch ein schwebendes Verfahren und versucht, die Gunst der Richter durch regelmäßige Präsenz zu gewinnen. Aber es gibt auch solche, die einfach nur ihre Zeit an einem geschützten Ort verbringen wollen, vor einem realen Theater voller Spannung. Ein Theater, das man genießen kann, auch wenn man den Faden verliert. ________________ Nach Sitzungsschluss – draußen ist es bereits Abend – eilen alle zum Ausgang. Guglielmo ist überrascht, auf der Straße eine Menge von Demonstranten mit bunten Spruchbändern zu sehen: „Schluss mit der Korruption!“, „Schande!“, „Nieder mit den Privilegien!“, „Dieb und Betrüger!“. Es gibt auch Tafeln mit dem Abbild des Staatspräsidenten, mit vollständigem Gebiss, aber Jacke und Bart von Che Guevara. Und es gibt eine Myriade kleinerer Fotos mit demselben Abbild auf knorrigen Stielen, die geeignet scheinen, den Gegnern bei dieser Gelegenheit eine politische Lektion zu erteilen. Guglielmo würde die Demonstranten gerne ansprechen, einen Dialog beginnen. Er würde sie gerne für sich gewinnen durch das öffentliche Bekenntnis seiner Schuld und seiner Bereitschaft, Buße zu tun. Aber er weiß nicht wie. Er erinnert sich an keine Schuld... und dann scheren sie sich ja auch nicht um ihn. Um nichts in der Welt würden sie darauf verzichten, ihren Protest herauszuschreien. Das Programm oder die Route zu ändern, wäre wie ein Versagen. Man wird ihnen gesagt haben, gegen irgendwen und irgendwas zu demonstrieren, ohne jedoch das Wer oder Was genauer zu bestimmen. Und wie soll er hier die Veranstalter finden?! Womöglich sind sie nicht einmal da. Drei der Demonstranten inszenieren mit grimmigem Gesichtsausdruck die Hinrichtung einer ausgestopften Puppe durch den Strang. Ihre Absichten scheinen ernst zu sein, aber es wirkt wie Commedia dell’Arte. Guglielmo lacht laut auf, obwohl die Puppe ihn selbst darstellen soll. Zwischen den Leuten läuft der Eisverkäufer aus dem Kino herum. Endlich kann auch er zum Hauptdarsteller werden: „Coca! Schoko! Flips!“ ruft er abgehackt aus, als wolle er durch die Wortverkürzungen Luft sparen. Der Besitzer des Kinotribunals folgt ihm mit zufriedenem Blick. Er hat das Gefühl, das ganze Treiben gehöre jetzt ihm, so wie vorher das Gericht und dessen Publikum. Auch mit dem Protest ist er zufrieden und achtet lediglich darauf, Auswüchse zu verhindern. Er fühlt sich als Mäzen von Justiz und Politik. Groß, olivbraunes Gesicht, markantes Kinn, gut gepflegter Bart, graumelierte Haare, um die fünfzig, trägt er einen dunklen Anzug. Im Knopfloch des Samtjackets steckt eine große rote Plakette, allem Anschein nach ein von Amts wegen verliehener Orden. Aus seinen wenigen Ausrufen hört man einen starken slawischen Akzent heraus. Im Allgemeinen schweigt er, als seien es die alltäglichen Dinge nicht wert, Energie dafür zu verbrauchen. Seine Befehle erteilt er durch Augendrehungen. Er geizt sogar mit Bewegungen; den Kopf hält er starr und wenn nötig dreht er den ganzen Oberkörper. Er raucht eine enorme Havanna, die mit ihrem widerlich süßlichen Duft sein Territorium markiert. Die dickliche Dame, die am Kinoeingang Eintrittskarten verkauft, muss seine Frau sein. Unverständlich, dass sie überhaupt in die Kabine passt. Durch das Fensterchen sieht man ein Bauerngesicht und die überquellenden Fleischlappen ihrer Arme. An ihrer Unterlippe klebt eine Zigarette. Der aufsteigende Qualm, der ihr die Sicht zu nehmen scheint, verleiht ihr Autorität. Sie verkauft Tickets nur fürs Kino oder nur fürs Gericht, aber auch Kombi-Eintrittskarten, mit denen man sich frei bewegen und nach Belieben Film und Prozess gleichermaßen genießen kann. Nicht alle erstehen ein Ticket oder lassen es sich entwerten; manche gehen unkontrolliert hinein. Wahrscheinlich sind sie wie Guglielmo bereits im Besitz einer ermäßigten Monatskarte. Guglielmo ist Ingenieur. Mit dem Diplom „summa cum laude“ in der Tasche und dem Kopf voller Ideen zog er es von Anfang an vor, als Selbstständiger zu arbeiten. Seine Erfindungen ließ er sich patentieren, vor allem energiesparende mechanische Triebwerke und elektrische Systeme, die er an die Industrie hatte verkaufen können. Aber seit ein paar Jahren, seit Beginn der Prozesse, geriet er ins Stocken. „Die Gerichte haben Ihre Kreativitätsdrüse einschrumpfen lassen“, klagt die Dame, die sich vorher um seine Verwaltung und PR gekümmert hatte. Und sie ließ ihn im Stich. „Es ist deine Schuld, wenn du dich in diesen Sumpf hast hineinziehen lassen! Ich zähle anscheinend gar nicht für dich“, wirft ihm Angela vor, seine Herzensfreundin, die ihn verlassen hat. Sie meint, die Beziehung zu ihm wieder aufnehmen zu können – aber erst, wenn er sich entschieden habe, welche Prioritäten er setzen werde. Beide hätten keinerlei Problem damit, als Zeuginnen vor Gericht für ihn auszusagen. Aber nicht einmal sie wissen worüber und wofür. _________________ Der Angeklagte nahm an der gestrigen Verhandlung nicht teil. Er war unpässlich und lag den ganzen Tag ausgestreckt auf dem Bett. An diesem Nachmittag wollte er an der Karfreitagsfeier in der Franziskaner-Kirche teilnehmen. Um Punkt drei kommen die Priester in einer schweigsamen Prozession in Richtung Altar aus der Sakristei. Heute sind sie nicht in großem Pomp wie die Herren vom Gericht, aber ihre Gestik ruft ihm diese vor Augen. Guglielmo ist kein eifriger Kirchgänger und kann nicht alle versteckten Andeutungen der Liturgie erfassen. Er begreift nicht, ob die Priester aufseiten des Verurteilten stehen oder aufseiten derer, die verurteilen: aufseiten von Jesus oder den Schriftgelehrten und Pharisäern, aufseiten von Pontius Pilatus oder des Volkes, das schreit: „Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!“ Gewiss, auch heute sprechen sie ihn bei ihrer Wiedergabe des Prozesses nicht frei – sie kreuzigen ihn erneut. Guglielmo konzentriert sich auf den Verurteilten, bis hin zur Identifikation. Auch er wünscht zu sterben, als der Sprecher des Verurteilten schreit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Oder etwas später: „Es ist vollbracht.“ Auf diesen Augenblick wartet er inbrünstig seit Beginn der Passionskantate. Er weiss, dass ihn in diesem entscheidenden Augenblick ein Schlaganfall oder ein Infarkt ereilen wird. Er denkt an die Konfusion, die dadurch entsteht. An die Banknachbarn, die ihn aus der Kirche bringen werden; an all die anderen, die sitzen bleibend zu verstehen versuchen, was passiert ist; an die Priester, die nach einer kurzen Unterbrechung den Ritus wieder aufnehmen werden. Er denkt an die Ankunft der Ambulanz mit eingeschalteter Sirene, an die Ankunft im Krankenhaus, wenn es bereits zu spät ist. Er stellt sich seine Beerdigung am Ostermontag vor. Angela kommt wieder auf den Plan, um die Zeremonie zu organisieren und nach dem Durchforsten seiner Adressbücher Freunde und Bekannte zu benachrichtigen. Die meisten werden einen Vorwand finden, um nicht auf den traditionellen Ostermontagsausflug verzichten zu müssen. Er hört die rhetorischen Worte der Würdigung und des Bedauerns. Vielleicht werden auch die Richter, der Staatsanwalt, die Sekretärin, der Anwalt auf dem Friedhof sein, ist ihnen doch sein aus den Augenwinkeln heraus wahrgenommener Anblick im Grunde bereits ans Herz gewachsen. Vielleicht mögen sie ihn so, wie man bei einer Corrida den Stier mag. Guglielmo lässt mit ungeahnter Geschwindigkeit sein Leben Revue passieren. Von der Kindheit bis zum letzten Atemzug zieht alles an ihm vorüber, wie ein Schmerzensschrei. Er spürt das Glück, bei klarem Verstand zu sterben, das Privileg, für alles um Verzeihung bitten zu können, auch dafür, gelebt zu haben. Aber der Augenblick, in dem der Verurteilte dahinscheidet, kommt und geht, ohne dass Guglielmo davon betroffen wäre. Und der Schlaganfall? Guglielmo betastet sich und spürt sich noch immer. Er schreitet im Geist die greifbaren Dingen und seine Ängste ab. Nichts fehlt. Er erinnert sich, dass Jesus, der Verurteilte, den Seinen sogar die Gabe, mit dem Glauben Berge zu versetzen, zugesagt hatte. Was bedeutet, dass Guglielmo nicht einmal soviel Glauben wie ein Senfkörnchen hat oder dass er ihn mit Magie verwechselt. Auch der Karfreitag vergeht und die Priester bereiten sich mit dem ganzen Volk auf das Fest der Auferstehung vor. Was pünktlich kommen wird, ganz nach Drehbuch. Am Sonntagmorgen weckt ihn seine Frau mit einer zarten Liebkosung seiner schweißgebadeten Stirn. Sie stellt ihm Milchkaffee und eine Orange auf den Nachttisch und flüstert ihm zu: „Du schaffst es... Wir schaffen es!“ Guglielmo erinnert sich, dass er irgendwann von Müdigkeit und Furcht übermannt worden ist. Zögernd setzt er einen Fuß in die vorherige Welt. Aber es erscheint ihm banal, sich für die eine zu entscheiden, indem er die andere zum Traum degradiert. Im Grunde sind Traum und Wirklichkeit so untrennbar miteinander verbunden wie das Fruchtfleisch und die Schale der Orange. Guglielmo findet die Trennlinie nicht wieder. Das Fruchtfleisch könnte die Wahrheit der Schale sein. Er muss den Faden wieder aufnehmen, um die Umstände des Verbrechens aufzuklären, die Natur seiner Schuld und Angst. Er steht auf, schleppt sich ans Fenster. Er öffnet es und lässt ungewollt die aufgehende Frühlingssonne hinein, das festliche Zwitschern der Schwalben zwischen den Dächern und dem Himmel, den Pfad, der sich im Licht des Hügels dahinschlängelt. Auch von der Natur fühlt er sich getäuscht. Für ihn ist die Zeit Karfreitag stehen geblieben. Wie üblich werden ihn auch am Feiertag die anonymen Telefonate, die Beleidigungen erreichen. Man wird ihm sagen, er solle sich schämen, und man werde ihn dafür büßen lassen. Er weiß, dass er übermorgen wieder zum Gericht gehen muss. Auf der Vorladung steht, seine Anwesenheit sei Pflicht. Mario Tamponi
Copyright © 2018 Mario Tamponi - www.europress-berlin.de