Mario Tamponi Zurück
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Die unglaubliche Magie der Zahlen Ein Neapolitaner in Südtirol Don Pasqualino verließ Neapel vor 22 Jahren. Nach einem Abstecher nach Verona zog er in eine Kleinstadt in Südtirol, die deutscher ist als irgendeine deutsche. Von seinen Ursprüngen hat er sich den schleppenden Tonfall bewahrt und die musikalischen Abrundungen, in welcher Sprache auch immer er sich ausdrückt, den sentimentalen Schwung, das Schulterklopfen, die Jovialität. Seine Kleidung ist stets Designerware, Ton in Ton, hell und auffällig. Ein grünes Tuch um den Hals und ein Borsalino-Hut mit rotem Band auf dem großen, runden Kopf machen ihn einem venezianischen Gondoliere ähnlich. Aber er ist international geworden: Er spricht fließend Englisch und Deutsch, das er zu radebrechen begann, als er auf dem Vesuv als Touristenführer arbeitete. Das ist seine Stärke. Dafür vergessen die Leute gerne die übliche Voreingenommenheit gegenüber den Süditalienern; sie neigen dazu, ihn wie ein folkloristisches Individuum aus den Sommerferien im Süden zu betrachten, das in den Herbst- und Wintermonaten im Norden überwintert. Die Ferne von Neapel, die ihn manchmal melancholisch macht und wegen unbedeutender Kleinigkeiten weinerlich, wird im Allgemeinen durch die Solidarität der Familie – Frau und drei Kinder mit typisch neapolitanischen Vornamen – und überall im Haus verteilte Reminiszenzen aufgefangen: die Mandoline und das Kostüm von Pulcinella, die an den Wänden im Eingang hängen, die riesigen Fotos im Esszimmer von De Filippo und Totò im Kampf mit einer Riesenportion Spaghetti, die vielen Schneekugeln vom Golf von Neapel und von Capri unter Wasser. Ein Rätsel bleibt, wie Schnee, blauer Himmel und Glutsonne zusammenpassen können. Im Wohnzimmer, neben dem Breitwand-Fernseher, gibt es sogar einen kleinen San Gennaro-Altar mit einem Ewigen Licht und einer Kniebank; die Familienmitglieder nutzen sie abwechselnd, wenn die erbetene Gnade ganz besonders erhofft wird. Die ständige Hintergrundmusik ist in der Regel melodisch, eingestreut werden Klassiker wie „O sole mio“ und „Funiculì funiculà“, die die Herzen zerreißen wie die Klänge der Nationalhymne in der Fremde. Aber das Neapel Don Pasqualinos ist ein bisschen wie das Ithaka eines abenteuerlustigen und realistischen Odysseus. Er lässt keine Gelegenheit aus, es episch zu lobpreisen, aber jeder Vorwand ist recht, um es nicht mehr betreten zu müssen. Vielleicht wird er dies erst angesichts des Todes tun. „Neapel sehen und sterben“, murmelt er oft, den Sinn verkehrend. In der Tat hat er dort unten nur Entbehrung und Elend erlebt; hier oben, auf den Hügeln Südtirols, kostet er dagegen endlich den Wohlstand des Erfolgreichen, den Respekt, der dem charismatischsten der exotischen Bewohner gezollt wird. Hier fühlt er sich nicht mehr als Schaf einer Herde ohne Hirte, wie im Vaterland der Arbeitslosen und Gauner. Hier bietet er den Leuten die Gelegenheit, ihr Glück zu machen, und auf dem Glück der anderen baut er sein eigenes auf. Den Glauben an die Zahlen hat Don Pasqualino sozusagen geerbt. An den Zahlen hatten Großeltern und Eltern nach deren genauer Analyse und Interpretation schon immer den Wechsel von Erfolgen und Schicksalsschlägen, von Schenkungen und Zwangsräumungen, von Glücksfällen und Rückschlägen festgemacht. Don Pasqualino belebte diese Tradition in den ersten Jahren seiner Abwanderung neu, als er von Verona aus als Lkw-Fahrer im Grenzverkehr arbeitete. Beim Befahren von Straßen und Autobahnen drang die Abfolge von Verkehrsschildern und Zufälligkeiten in regelmäßigen Abständen hämmernd in seine Seele und ließ ihn wieder den verborgenen Rhythmus der Zahlen in den Wechselfällen des Lebens, auch des ganz alltäglichen, spüren. Den Zahlen verdankt er die Wahl der endgültigen Lebensgefährtin, des endgültigen Wohnsitzes in Südtirol, der endgültigen drei Kinder und, nicht zuletzt, der endgültigen beruflichen Aktivität, im Bereich der Zahlen eben. Pythagoras hielt die Zahl für die Seele der Welt, für die Struktur des Seins. Für Don Pasqualino ist er deshalb der Größte des heidnischen Altertums. Aber die Zahlen, die sein Glaube ihm eingibt, sind allesamt biblisch. Selbstverständlich bilden die 1 und die 3 die Grundelemente, die in jeder Kombination vorkommen. Die 3 ist die Basis, wenn sie sich auf die Dreieinigkeit bezieht, aber sie entspricht den anderen magischen Zahlen, wenn sie sich auf die Heiligen Drei Könige, auf die öffentlichen Jahre des Messias, auf die Ankündigungen von Leiden und Auferstehung, auf die Verleumdungen von Petrus und auf Jesus‘ Tage im Grab bezieht. 12, die Zahl der Apostel, wird, wenn man den Verräter abzieht, zu 11. Jesus ist 12 Jahre alt, als er die Gelehrten im Tempel trifft. 40 Tage verbleibt er in der Wüste. 6 sind die steinernen Wasserkrüge bei der Hochzeit von Kanaan. 2 sind die ersten geheilten Blinden. Bei der ersten Speisevermehrung gibt es 5 Brote und 2 Fische für 5.000 Männer; und 12 Körbe mit Resten bleiben übrig. Bei der zweiten Vermehrung sind es 7 Brote und ein paar Fische für 4.000 Menschen und 7 Körbe mit Resten. 4 Tage liegt Lazarus im Grab. 30 Silberstücke erhält Judas für seinen Verrat. 70 x 7 Mal soll man vergeben. 153 Fische fangen die Apostel durch das Eingreifen Jesu nach dessen Auferstehung. Auch die Zahlen, die in den Gleichnissen vorkommen, sind nicht zufällig. 100 Schafe sind es, von denen sich eines verirrt. 10 Drachmen sind es, von denen eine wiedergefunden wird. Von den 10 Jungfrauen sind 5 töricht und 5 klug. Die Talente Silbergeld, die Zinsen bringen sollen, werden in 5, 2 und 1 aufgeteilt. Der unbarmherzige Diener schuldet 10.000 Talente, hat selbst aber gerade einmal 100 Denare verliehen. Die bescheidene Opfergabe der Witwe beträgt 2 Leptá, das ist ein Quadrans. 7 Brüder sind es, die die Witwe heiraten, 2.000 Schweine stürzen sich mitsamt der Dämonen ins Meer. Auch das Alte Testament ist reich an wertvollen Zahlen. An erster Stelle die 10 der Moses überreichten Gebote für sein Volk; und die 14 für die Generationen von Abraham bis David, von David bis zur Vertreibung nach Babylon, von der Vertreibung nach Babylon bis zu Jesus. So wie die Zahlen nicht zufällig sind, so ist es auch nicht deren Anwendung auf die Sonderfälle des Lebens. Was man braucht, ist Intuition, und eben die besitzt Don Pasqualino. Die Komplexität der Umstände bringt es mit sich, dass er die jeweiligen Zahlen entsprechend kombinieren muss: indem er addiert, subtrahiert, multipliziert, dividiert, die Potenz nimmt oder die Quadratwurzel zieht sowie bei besonderen Fällen Gleichungen ersten Grades und andere Algebra-Operationen anwendet. Don Pasqualino bedient sich auch des Taschenrechners; Mathematik war nie seine Stärke. Selbstverständlich bietet er seine Beratung gegen Bezahlung an. „Nicht zu spekulativen Zwecken“, wird er nicht müde zu betonen, „sondern für den Lebensunterhalt von Familie und Mitarbeitern sowie zur Förderung des Unternehmens, das durch sein stetes Wachstum beweist, dass es eine sinnvolle soziale Dienstleistung anbietet.“ Die konkreteste und einträglichste Beratung ist die für Lotto. Don Pasqualino füllt Lottoscheine mit Zahlen, die ihm eingegeben wurden, aus und verkauft sie serienweise an Spieler jeder Art. Bei einem Gewinn verpflichten sich die Glücklichen, ihm 33 Prozent in bar auszuzahlen: das ist die Zahl der treuen Apostel mal drei. Dabei zählt das Wort. Wer könnte sich auch schon erlauben, die Verpflichtung nicht zu respektieren? „Die Zahlen bestrafen Unehrlichkeit und können verdammt streng sein. Sie bestrafen den kleinsten Betrugsversuch, die Urheber und deren Nachkommen für eine unbestimmte Zahl von Generationen“, warnt der Neapolitaner. „Sie beschämen auch die Habgierigen. Glück im Lotto und sonstwo kann das Leben zwar erleichtern und bereichern, aber es sollte niemanden dazu ermächtigen sich abzukapseln, das Wieso und Warum zu vergessen, die Bedürfnisse der anderen zu ignorieren.“ Außer auf Lotto und andere Glücksspiele erstreckt sich seine Zahlen-Beratung auf die verschiedensten Felder des beruflichen, gefühlsmäßigen und familiären Lebens, ja sogar auf existentielle Probleme. Der heilsamste Effekt besteht in der Bekehrung zum Glauben an die Zahlen. „Es ist die Gewissheit“, sagt er, „dass sich die Welt nicht in den Händen des Chaos befindet, sondern von einer rigorosen Rationalität geregelt wird.“ Die Tatsache, dass diese Rationalität eine religiöse ist, garantierte ihm außerdem von Anfang an den Schutz von Don Giroddo, dem Pfarrer des Städtchens, der im Erfolg der Zahlen stets die Bestätigung des Heiligen im Profanen, der Kirche im Alltäglichen erblickte. Anfangs nannte Don Pasqualino seine Initiative „Biblische Zahlen“. Aber „biblisch“ hat verschiedene Bedeutungen: „biblische Zeiten“, „biblische Geduld“, „biblische Erkenntnis“.... und keine schien passend. Um die Initiative nicht an der Skepsis von Mitarbeitern und Nutzern scheitern zu lassen, wurde aus „Biblische Zahlen“ „Heilige Zahlen“, und als solches wurde das Unternehmen beim Amtsgericht registriert. Dank der Unterstützung des Pfarrers folgte anschließend die Umbenennung in „Kongregation der Heiligen Zahl“ und dann, kühner, in „Heilige Kongregation der Zahlen“. Eine Kongregation ist normalerweise kein Unternehmen mit Gewinnabsichten. Aber wie ließ sich dann der Profit rechtfertigen? Also beeilte sich Don Pasqualino, innerhalb der Kongregation für alle bezahlten Tätigkeiten die Agentur „Pro Numero“ einzurichten. Gegenüber der Agentur war und ist die Kongregation unter vorrangiger Leitung des Pfarrers der fromme Behälter. Die Kunden von „Pro Numero“ werden automatisch Kongregationsmitglieder – mit Skapulieren und Medaillons, mit Zugang zu magischen Riten und Geisterbeschwörungen, mit der Ehre, bei Prozessionen, vor allem bei denen der Karwoche, in vorderster Reihe dabei zu sein. Nur die Kongregationsmitglieder haben das Recht, die Jesus- Statue mit der Dornenkrone und die der von sieben Lanzen durchbohrten Madonna auf den Schultern zu tragen, andere und sich selbst bis aufs Blut zu geißeln oder sich ans Kreuz binden zu lassen. Mit „Pro Numero“ erweitert sich die Aktivität der Kirche. Der Pfarrer stattet den nicht nur von Gläubigen besuchten Firmensitz mit tiefergehender Lektüre aus, mit Devotionalien, mit Heiligenbildern und Formeln, die, kaum gelesen, Lebenden und Toten nach genau festgelegten Tabellen Jahre des Fegefeuers erlassen. Jede Leistung wird von einem Kästchen flankiert, um je nach Großzügigkeit und persönlichem Elan die Opfergaben der Gottesfürchtigen aufzunehmen. „Pro Numero“ sind überdies verschiedene Solidaritätsinitiativen zugunsten der dritten Welt angeschlossen. Mindestens sieben Sammelkästchen zeigen die vielfachen Bestimmungen an: Favelas in Brasilien, Hunger in Äthiopien, Leprakranke von Kalkutta, Waisenkinder aus Rumänien, AIDS in Südafrika, Erdbeben- und Überschwemmungsopfer aller Kontinente. Es gibt sogar ein System für die Adoption von Kindern aus der Ferne. Um eines zu adoptieren, genügen 99 Euro im Monat gemäß einem bindenden Vertrag per Bankeinzug. Mit diesem für jedermann tragbaren Obulus kann man einen kleinen Armen, „der an dich denkt, für dich betet, dir Glück bringt“, heilen, ernähren und erziehen. Ab und zu schreibt das Adoptivkind persönlich dem eigenen Adoptivvater, um zu belegen, dass die Gelder ihre Bestimmung erreichen und Nutzen bringen. Aber nicht immer verlaufen diese Beziehungen glatt. Einmal erlaubte sich ein Wohltäter, von einer väterlichen Anwandlung gepackt, seinen „Sohn“ in Eritrea zu besuchen. Er trat als Gebieter auf und wurde als Kolonialist behandelt: nicht nur von dem Kleinen, sondern auch von den leiblichen Eltern, die ihm ins Gesicht spuckten und ihn vor die Tür setzten. Der Wohltäter hatte nicht einmal mehr die Gelegenheit, die Verwendung der Gelder zu überprüfen. „Ein absurder Einzelfall!“, kommentierten Don Pasqualino und Don Giroddo unisono. Aber um zu vermeiden, dass der Skandal die Großzügigkeit anderer beeinträchtigte, wurde der glücklose Wohltäter von der Erfüllung seines Vertrags befreit und mit einem höflichen Vorwand aus „Pro Numero“ entfernt. Eines Nachts wurde Don Pasqualino von einem apokalyptischen Alptraum überrascht. Ihm erschien im Schlaf Don Giroddo rittlings auf einem knöchernen Vladimir. Er trug die Rüstung eines Kreuzritters, hielt in der einen Hand eine Kalaschnikow und in der anderen ein metallenes Kruzifix, das die Augen des Wehrlosen mit Sonnenstrahlen blendete. Er machte ein drohendes Gesicht. Er schrie: „Ihr habt aus dem Haus Gottes eine Räuberhöhle gemacht!“ Er schien entschlossen, „Pro Numero“ zu zerstören und deren Förderer und Anhänger zu vernichten. Zum Glück wachte Don Pasqualino fiebernd auf, bevor der Krieger seiner zerstörerischen Energie freien Lauf ließ. Tags darauf erschien bei „Pro Numero“ Don Giroddo, ganz der Alte, mit einer Tasche randvoll mit den üblichen Amuletten, kleinen Statuen, Bildchen und Adoptionsformularen. „Die Geschäfte laufen gut!“, meinte er, als er die halb leeren Tische und Regale wieder auffüllte. In der Tat: Die Unternehmung des Neapolitaners war für den Pfarrer ein Glücksfall. Vorher genoss Don Giroddo in seiner Gemeinde keinen guten Ruf. Seinen angeborenen Geschäftssinn hatte er auch im Priesterseminar und bei der Ausübung seines Amtes beibehalten. Als Diözesan- Priester war er nicht ans Armutsgelübde gebunden. Und weil ihn der Bischof aus Nachsicht zum Pfarrer seiner eigenen Geburtsstadt ernannt hatte, konnte er auch das aus Immobilien und Ländereien bestehende Familienerbe verwalten. Er war immer der Ansicht gewesen, das Gleichnis von den anvertrauten Talenten sei wörtlich zu verstehen und anzuwenden. Er vergab die Ländereien zur Halbpacht und vermietete Wohnungen und Zimmer zu Marktpreisen, wobei er selbstverständlich stets den Meistbietenden bevorzugte. Er war kein echter Schinder, aber bei Schwierigkeiten oder bei Insolvenz der Mieter ließ er nie Milde walten. „Dafür gibt es die staatlichen Gesetze, die Anwälte und Richter. Man braucht sich wirklich nicht die Hände schmutzig zu machen“, sagte er und zeigte dabei seine geweihten Handflächen. „Um die Liebe des Evangeliums zu erkennen, muss man zuallererst an das Recht glauben.“ Bis zur letzten Konsequenz: Wechsel, Zwangsräumung, Pfändung. Mit vergleichbarem Eifer hat Don Giroddo immer die Kirche, die Pfarrei- Angelegenheiten, die Gottesdienste geleitet und tut es noch immer. Sprichwörtlich sind Pünktlichkeit und Sauberkeit. „Die Bürger stellen ihre Uhren nach den Glockenschlägen, nicht nach dem Ziffernblatt im Fernsehen oder der Ansage im Radio“, betont er mit Stolz. Aber rigorose Disziplin verlangt er auch unerbittlich von seinen bezahlten Mitarbeitern; von den jungen Kirchendienern zum Beispiel, deren Unachtsamkeiten er mit schallenden Ohrfeigen bestraft, mit Stockhieben und schmerzhaftem Ohrenlangziehen. Nachsichtiger, ja sogar zart ist er hingegen mit den freiwilligen Ministranten und den Gläubigen, vor allem wenn sie reich und großzügig sind, bereit, Gott durch die Bezahlung von feierlichen Messen und Begräbnissen erster Klasse zu ehren und die Organisation der Feste für den Schutzheiligen mit angemessenen Opfergaben zu unterstützen. Früher hatten die beiden Gesichter seiner Persönlichkeit die Gemeinde immer gespalten. Die Frauen mit Schleier, die die tägliche Messe und die Abendandachten besuchten, wussten die Pflege der Kirche stets zu schätzen. Die Männer der Sonntagsmesse dagegen konnten Don Giroddos Geschäftemacherei nie verdauen und gaben ihm das auch eindeutig zu verstehen. Zum Beispiel, indem sie bei seinen Predigten hinausgingen. An den Festtagen und sogar bei Trauerfeiern, wenn der Pfarrer nach der Lesung des Evangeliums zur Homilie übergehen wollte, verließen sie die Kirche und kamen erst zum Beginn des Credo wieder herein. Das machten sie selbst dann, wenn es draußen auf dem Vorplatz schneite oder in Strömen regnete. Aber seit die Aktivität von „Pro Numero“ und der Kongregation Fuß gefasst hat, liegen die Dinge anders. Jetzt hören auch die Männer Don Giroddo zu, um ihm gratis zwischen den Zeilen einige wichtige Zahlen zu entreißen. Und nicht nur das. Selbst nach der Messe analysieren sie noch die eben gehörte Predigt bis in alle Einzelheiten; sie zerpflücken die rätselhaften Passagen und die chiffrierten Wörter, um die versteckten Zahlen zu erraten. Don Giroddo kultiviert dieses Spiel der versteckten Andeutungen wie eine Eingebung der Vorsehung. Um die Gemeindemitglieder wieder mit Gott und ihrem Priester zu versöhnen. Gegenüber der Gesamteinwohnerzahl sind die Kongregationsmitglieder und Kunden von „Pro Numero“ in der Minderheit. Aber sie bilden den harten Kern, den einzigen. Durch sie füllt sich das Städtchen mit Zahlen-Tics und seltsamen Bewegungen. Überall auf Straßen und Plätzen bemerkt man Leute, die eine bestimmte Zahl von flüchtigen Bekreuzigungen machen. Leute, die beim Gehen nach einer bestimmten Schrittzahl rituelle Pausen einlegen, bevor sie weiterlaufen. Besondere Zahlenrhythmen messen nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch den Gemeinschaftssinn, die Umgangsformen, das öffentliche Auftreten. Sogar der Klang der Glocken und der Sirenen ist nicht mehr linear und kontinuierlich wie früher. Dank Don Pasqualino steckt das Städtchen voller Zahlen. Das Genie aus Neapel plant derzeit ein ehrgeiziges Projekt: die Zahlen, die sich in den Tics der einzelnen Bürger ausdrücken, in kollektive Gleichungen münden zu lassen. Damit wäre es möglich, die Befürchtungen, Ideale, Hoffnungen der gesamten Bürgerschaft sozusagen mit Händen zu greifen, sie zu kontrollieren, ihnen zuvorzukommen, sie zu konditionieren. Man könnte sogar die kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen „auf eine bessere Zukunft hin“ ausrichten. Von dem Geheimprojekt ist nur Don Giroddo unterrichtet, der, so interessiert, wie er am Wohl der Kirche ist, sich dafür ausgesprochen begeistert. Aber anscheinend sind gewisse Indiskretionen in höhere Sphären durchgesickert. Bisher wurde die Gemeinde von der Kurie in Rom als so irrelevant wie die eines kleinen Dorfs im Hochgebirge betrachtet. Aber seit einigen Wochen besuchen mit Purpurgewändern und goldenen Riesenkreuzen geschmückte Prälaten Don Giroddo. Kein Außenstehender kann das Thema der Unterhaltungen erahnen. Auffällig aber sind die Zahlen-Tics der Prälaten, wenn sie beim Abschied vor dem Pfarrhaus den Hausherrn herzlich umarmen oder wenn sie später aus dem Fenster ihres schwarzen Mercedes heraus winken, der mit Beschleunigungen im Dreier- und dann Zweiertakt abfährt, rhythmisch unterbrochen von überflüssigen Tritten auf die Bremse und von ruckhaften Kurswechseln auf der einsamen geraden Strecke. Von weltlicher Seite wird auch Don Pasqualino durch regelmäßige Besuche von Partei- und Staatsfunktionären und bekannten Fernsehgrößen geehrt. Mit der Skepsis eines Menschen, der sich nie für Politik interessiert hat, erzählt er nur das Allernötigste und hebt sich nicht unerhebliche Teile und Einzelheiten für die nächsten Male und für deren Konkurrenten auf. Bei den Politikern riecht er jetzt schon auf Anhieb die Rhetorik, die aufgesetzte Herzlichkeit, die Falschheit der Doppeldeutigkeit, die Oberflächlichkeit der Versprechen, all die Hinterhältigkeiten der captatio benevolentiae. Je mehr sie übertreiben, desto mehr igelt er sich ein oder bringt irreführende Versionen vor oder ändert die Reihenfolge der wenigen Zahlen, die er ihnen anvertraut hat, um ihre Wirkung zu entschärfen. Don Pasqualino hat immer an die Zahlen geglaubt. Aber die wachsende öffentliche Aufmerksamkeit bestätigt ihn im Glauben und macht ihn noch rigoroser in dessen Ausübung. Wie gesagt ist die Zahl seiner Kinder nicht zufällig. Aber jetzt werden die Vorsichtsmaßnahmen hektisch und quälend, damit ihm nicht aus Schwäche oder Zerstreutheit noch ein viertes „herausrutscht“. Was leider nicht unmöglich ist, da er aus Prinzip Kondome und jede andere Verhütungsmethode verschmäht. Die Triade durcheinanderzubringen hieße zuzulassen, dass über seine Familie und seine Zukunft die Furie der Sintflut hereinbricht. Wenn es unglücklicherweise passieren sollte, bestünde die einzig mögliche Arche Noah darin sich daranzumachen, die Zahl auf neun oder zwölf zu erhöhen. Bei seinem Alter und mit nur einer Ehefrau! Mario Tamponi