Mario Tamponi Zurück
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…und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen! Gib uns Frieden! Erlöse uns, Vater unser, von denen, die Glaube und Religion missbrauchen, von der Versuchung, mit einem Heiligenschein um den Kopf andere zu überfallen und zu töten; erlöse uns von Götzen der Aggression, Ausgeburt individueller und kollektiver Neurosen; zeige dich in den Farben aller Menschen, die dich, auch ohne es zu wissen, suchen – auf jedem Kontinent und in jeder Kultur. Erlöse uns vom Fanatismus der eigenen Wahrheit, der eigenen Freiheit, der eigenen Demokratie, der eigenen Tugend; erlöse uns von der Einsamkeit unserer Kaste, Nation und Rasse und öffne uns für die große Vielfalt, wo alle Kinder von Dir, einziger Vater, sind und sein sollten. Erlöse uns von jedem Kreuzzug für die eigenen Werte, lass uns verstehen, dass die Botschaft, die du uns auf dem Berg predigst, Armut ist, Liebe zum Nächsten und zu den Feinden, siebenundsiebzigmal Vergebung, die Barmherzigkeit des Samariters, die Befreiung des verlorenen Sohnes, die Einreihung der Letzten vor die Ersten, der Huren vor die Pharisäer. Erlöse uns von Kastrationskomplexen, vom phallischen Exhibitionismus zerstörerischer Waffen, ausgerüstet mit Hightech und Intelligenz, vom diskreten Charme der Bombardements, vom Aufmarsch der Panzer und vom Kanonenfeuer, von Landminen; zeige uns deren Brutalität und Obszönität. Erlöse uns von der Duldung einer Welt mit hunderttausend Hungertoten täglich und mit Millionen ohne Bleibe, ohne Arbeit, von der Komplizenschaft mit dem Überfluss ohne Solidarität, von der Niedertracht gegenüber dem Abschaum der Welt, von der Arroganz der Rechtsbeugung durch Stärke, von Unterwürfigkeit und Lüge, die uns ermöglichen, Kinder, Frauen und jeden Wehrlosen auszubeuten und zu entehren – ohne Skrupel, ohne Gewissensbisse. Erlöse uns von der Logik der Eroberung, wonach das Leben der anderen weniger wert ist als das der Unsrigen und das eigene und ein Mensch weniger zählt als die gesamte Beute; erlöse uns von der Entfremdung durch die Menge, wonach die Anzahl mehr gilt als der Einzelne, die Herrschaft mehr als die Begegnung, die manipulierte Zustimmung mehr als der Respekt vor den anderen und vor dem Fremden. Erlöse uns vom Dünkel gegenüber den Täter-Opfern, schenke uns wenigstens Mitleid mit dem, der sich selbst vernichtet, weil er nichts mehr hat, auch mit Selbstmordattentätern aus Abhängigkeit und Verzweiflung; erlöse uns von der Bewertung des Krieges je nach Laune der Börse und der Notierung von Öl und Gold. Erlöse uns von der Unfähigkeit der Regierenden, die den Militärs die Lösung ihrer und unserer Probleme übertragen, vom Mangel an Denkern und Dichtern an den Schalthebeln der Welt; von gleichgeschalteten Parteipolitikern, die Hirn und Gewissen Lobbys und Gewinnen verschreiben, von Heuchlern, die Politik von Ethik trennen und es für banal halten, Ja sei Ja, Nein sei Nein zu sagen. Erlöse uns von der medialen Kriegsshow, vom Geschäft mit Liveübertragungen im Fernsehen und dem Geschwätz über Tragödien, von der Propaganda, die sich als Information tarnt; erlöse uns von der Perversion der Exklusivbilder mit zerfetzten Leibern und zerstörten Familien, von der Performance von Reportern und Fotografen in Schützengräben hinter Panzern, aus denen gefeuert wird – Narzisse und Helden für Gehaltserhöhungen und Karriereaufstieg. Erlöse uns von der Emanzipation der Frauen in Tarnanzügen und mit Maschinengewehren, von den Schicksalen junger Menschen in Uniform, zur Schlachtbank geschickt für falsche Ideale. Erlöse uns, wenn dieser Krieg vorbei ist, vom Vergessen des im Licht der Scheinwerfer erlebten Skandals und derer, die davon überrannt wurden, vom Instinkt, auf den Karren der Sieger zu steigen. Erlöse uns von der Gleichgültigkeit all den anderen Kriegen gegenüber, die keinen Lärm machen und wo der Mensch niemals siegt. Vater unser, Amen! Mario Tamponi