Mario Tamponi Zurück
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Mensch im Koma Weisheit in der Tiefe der Stille Sein Gesicht hat die klaren Züge von Giotto. Es ist hager geworden, aber das natürliche Lächeln aus pausbäckigen Zeiten, inzwischen erstarrt und fast wie aus Marmor gemeißelt, ist noch nicht völlig erloschen. Ein grau-silberner Haarschopf, der zwischen den beiden hohen Schläfen wie ein Vorgebirge aussieht, ragt über der Stirn empor; der ins Kissen versunkene Kopf verbirgt eine unbarmherzige, tonsurförmige Glatze. Die dichten Wimpern und Augenbrauen vermitteln die anmutige und besinnliche Souveränität eines Menschen, der mit sich im Frieden ist. Die einst vollen Lippen sind schmal geworden und wie ein dichter Rolladen verschließen sie einen inzwischen nutzlosen Mund. Die Augenlider sind gesenkt und bedecken für immer die regenbogenfarbenen Pupillen. Auf der Nasenspitze hat sich eine schwammartige Warze angesiedelt, auf der sich abwechselnd die Zimmerfliegen ihre klebrigen Füßchen reiben. Man sieht Dario Conti sein wahres Alter an. Vor drei Tagen hat er ein halbes Jahrhundert vollendet, ohne dass jemand Notiz davon genommen hätte. Seit fünfzehn Monaten liegt er mit dem Rücken auf einer schmiedeeisernen Liege in einem dunklen Winkel im Zimmer des Großvaters. Unbeweglich wie eine Statue. Die Medizin, die ihn dem Tod entrissen hat, bescheinigte ihm nach Aussagen des Chirurgen ein irreversibles Koma, genauer gesagt: „Verlust des Bewusstseins, Unfähigkeit, auf Reize zu reagieren, Verschwinden der äußeren und inneren sowie der Darmreflexe“ und viele andere weniger verständliche Dinge. So kommt es, dass er durch den Tropf ernährt und wie eine Pflanze behandelt wird. Als sich sein Zustand nach eineinhalb Monaten auf der Intensivstation stabilisiert hatte, entließ ihn das Krankenhaus, um das Bett freizumachen. Zu Hause wurde er zunächst im Kellergeschoss untergebracht, dann wurde er nach oben getragen, um das Gästezimmer zu befreien und seine Überwachung weniger lästig zu gestalten. Auch um nicht zu riskieren, ihn zu vergessen und eines Tages im Zustand der Verwesung wieder aufzufinden. Das Zimmer des Großvaters dagegen ist geräumig. Außer der Liege steht dort ein normales Doppelbett aus mit Schnitzereien verziertem Nussholz. Mit seiner Panorama-Terrasse – sie geht direkt auf den Corso, die Hauptstraße des Dorfes – und dem Tischchen in der Mitte dient es auch als Wohnzimmer. Es gibt also eine gewisse Bewegung, auch wenn Dario nicht mehr beachtet wird als die bunt bemalte Zierfigur aus glasiertem Gips, die einen indischen Elefanten darstellen soll. In Gegenwart des Sozialarbeiters, des Priesters oder anderer Fremder benehmen sich die Familienmitglieder zuvorkommend; aber sobald diese gegangen sind, kümmern sie sich nicht einmal darum, das Bett in Ordnung zu bringen, das Licht an- oder auszumachen, das Fenster zu öffnen oder zu schließen. Sie sind davon überzeugt, es mit einem immer gegenständlicher werdenden Gegenstand zu tun zu haben. Niemand wirft ihm eine Geste der Zuneigung zu, auch wenn es nichts kosten würde. Die Pflege ist Lina anvertraut, dem Hausmädchen, das für die niedrigsten und anstrengendsten Aufgaben zuständig ist. Sie wäscht ihn jeden Morgen, rasiert ihn alle zwei oder drei Tage und wechselt den Tropf, wenn er leer ist. Mit der Zeit entsteht im Haus eine humanitäre Ungeduld. „So ein Leben ist es nicht wert, gelebt zu werden“, murmelt Denisa, die Schwägerin, die mit vagen Anspielungen beginnt, auf die Möglichkeit der Euthanasie anzuspielen. Natürlich müsste diese getarnt ausgeführt werden, um das Gesetz und das bigotte Getuschel der Leute zu umgehen. Ein erzwungenes Fasten würde reichen oder eine nicht wahrnehmbare Manipulation an der Infusion. Für Denisa ist Dario nicht nur ein Parasit, sondern auch ein dickhäutiger Provokateur, der auf der Schwelle zum Tod verweilt, um die Existenz der Lebenden zu ruinieren; und er ist zugleich eine unverschämte Willkür des Todes, der sich anstatt Dario Kinder und Unschuldige holt. Diese geflüsterten Bemerkungen gehen am Bewusstsein des Bettlägerigen nicht unbemerkt vorüber, seiner Unerschütterlichkeit allerdings können sie nichts anhaben. Seine Vergangenheit mit dem Studium der Architektur, der berufliche Erfolg, die realisierten Projekte, seine ausgleichende Rolle als Familienoberhaupt nach dem Tod des Vaters, die Jovialität und die zahlreichen Freundschaften... alles scheint vergessen, begraben in seinem eigenen Unglück. Bewusstsein im Koma Dario ist nicht gleichgültig gegenüber der Welt der Gegenstände und der Personen, die verzerrt den verbleibenden Schlitz zwischen den Lidern durchdringt. Seine Augen sind zu einer Art metaphysischem Organ geworden, nicht mehr geeignet, die physische Gestalt und die Konturen der Dinge zu erfassen, sehr wohl aber, ihre Leichtigkeit und symbolische Bedeutung zu erkennen. Aus seinem Blickwinkel sieht er alles – nicht nur das, was im Zimmer geschieht: Der Kommodenspiegel erlaubt ihm, auf die Straße hinunterzulauern. Vom zweiten Stockwerk aus kann er zwar nicht das Pflaster sehen, aber doch die rissige Fassade des Palastes gegenüber und ein Stück des Himmels, mal sonnig, mal überzogen von bizarren Riesenwolken, mal sternengekrönt. Er registriert die Stimmen und die Stimmungen der Passanten, er riecht die je nach Jahreszeit wechselnden Gerüche des nahen Landes. Und wie Tiere, die durch Ultraschall und geheimnisvolle elektromagnetische Signale von weit her angelockt werden, spürt er das ferne Meer. Mit seiner von Möwen gestreiften Oberfläche, mit seinen die ausgetrocknete Küste hoch- und runterspülenden Wellen versöhnt es ihn immer wieder mit der Sonne, dem Wind, dem immerwährenden Getöse. Im Meer ist die Geschichte das Immerwährende. Gebannt vom Salzgeruch des Meeres fühlt sich Dario im Einklang mit der Symbiose der Felsen mit dem Wasser und den Jahrmillionen, die diese möglich gemacht haben. Wie in der Seele des Meeres hat sich die Zeit auch in Dario verflacht. Für „gesunde“ Menschen hat die Chronologie ein Gewicht. Die Abfolge der Ereignisse, der Unterschied zwischen ferner und naher Vergangenheit, zwischen naher und ferner Zukunft haben für diese einen Sinn. Und in den unterschiedlichen Facetten der ablaufenden Zeit finden die Ereignisse der Geschichte und der privaten Erinnerung, die Hoffnung der Einzelnen und die Utopien der Welt ihren Platz. Auch das Vergessen und die Verzweiflung. Für Dario hingegen ist alles in der Gegenwart eingeschlossen und die zeitliche Abfolge ist für ihn eine rationale Konstruktion. Die Vergangenheit ist Prämisse, die Zukunft Konsequenz dieser Logik. Für die anderen bedeutet Zukunft Warten und Hoffen; für Dario ist sie eine abstrakte Kategorie ohne jegliche emotionale Fracht. Ein wenig wie in einem Film. Während sich die normalen Zuschauer mit dieser oder jener Figur identifizieren und gefühlsmäßig mitreißen lassen, ist die Beziehung Darios zur Filmhandlung die von Schauspielern und Regisseur, die sie erfinden, manipulieren, mit Alternativen versehen. Oder die des Filmkritikers, der sie in zig Szenen und Aspekte zerlegt, um sie dann nüchtern auszuloten. Deshalb betrachtet Dario auch die Unrast der Schwägerin mit innerem Abstand, trotz der aktiven Rolle, die sie anscheinend für sein Unglück gespielt hat. Denisa war seit einem Jahr Witwe und hatte zwei minderjährige Kinder zu versorgen, als es ihr mit einer weitsichtigen Verführungsstrategie gelang, Stefano, den hartnäckigen Junggesellen der Familie, zur Heirat zu verleiten. Stefano hatte vor allem mitgespielt, um seiner Mutter einen Gefallen zu tun. Und außerdem befreite ihn die Tatsache, dass Denisa bereits Kinder hatte, von der Mühe, eigene zu zeugen. Sie, mit ihren 33 Jahren, dem leicht länglichen Gesicht, der leichten Adlernase und den leicht mandelförmigen Augen, ließ die Schönheit einer griechischen Penelope wieder aufleben. Verstecktes Drama Angesichts seiner Apathie und ihrer Leidenschaftlichkeit bezweifelten nicht wenige, dass die Liebe der jungen Witwe so ganz ohne Hintergedanken gewesen sei. In der Tat ist das Vermögen der Conti nicht unerheblich. Trotz ihres relativ bescheidenen Lebenswandels besitzt die Familie Ländereien aus dem Erbe von drei Generationen. Auch wenn diese keinen großen Ertrag abwerfen, haben sie doch einen beachtlichen kommerziellen Wert; unter anderem wurde im Bebauungsplan der beiden angrenzenden Gemeinden ein Teil für die Ansiedlung von Gewerbebetrieben und den Bau von Sozialwohnungen freigegeben. Wer bis jetzt verhindert hat, dass auch nur ein Bruchteil dieses Besitzes verkauft werden würde, war die Mutter von Stefano und Dario, Zia Antonietta. Für sie besitzt jedes Stückchen Boden die Heiligkeit der lebendigen Beziehung zu den Vorfahren, deren Totenruhe zu stören man besser unterlassen sollte. Für Denisa ist klar, dass, sobald diese inzwischen 81jährige altertümliche Alte gestorben ist, die Erben verkaufen, um sich etwas mehr Annehmlichkeiten zu leisten. Und es wird noch genug Geld übrig bleiben, um an der Börse in Wertpapiere und Aktien zu investieren und sich eine Bankrendite zu sichern ohne die Sorge um die Verwaltung der Güter oder um Bilanzen, die manchmal nur mit Mühe stimmig gemacht werden können. Sie weiß nicht, wie die Sache funktionieren soll, aber wenn es soweit ist, wird sich schon ein tüchtiger Berater finden lassen! Als Erben gibt es eigentlich nur sie und ihre Kinder, seit ein und derselbe Unfall Stefano in den Tod und Dario ins Koma beförderte. Genau einen Tag vor jenem fatalen Abend war Dario von einer reuigen Seele ein misslungener, eiskalter Mordplan unter Mitwirkung von Denisa gegen Stefano anvertraut worden. Alles hatte mit der Ehekrise der beiden begonnen, als Stefano die außereheliche Beziehung seiner Frau mit dem Amtsarzt aus dem Nachbardorf entdeckt hatte. Aus einem Rachegelüst heraus hatte sich Stefano, der ganz sicher kein Frauenheld war, mit der Schwester des Bürgermeisters eingelassen. Obwohl diese Beziehung eher platonisch war, hatte er doch die Naivität besessen, seine Absicht kundzutun, er wolle die Gütertrennung, wenn nicht noch mehr. Wenn eine Affäre eskaliert, vergisst man manchmal sogar, wer sie ausgelöst hat. Und so begann Denisa, sich als Opfer zu fühlen und sich „zum Wohl der Kinder“ ins Unvermeidliche zu fügen. Offensichtlich stammte das Unvermeidliche nicht von ihr allein. Wer sie anstachelte und das Ganze organisierte, war vielmehr ihr Liebhaber, der die gewalttätigen und kurzentschlossenen Methoden seiner Landsleute, den raschen Einsatz der Bombe zur Einschüchterung – mal aus Rache, mal einfach nur aus Neid – teilte. Fest steht, dass gegen Stefano ein Hinterhalt geplant worden war. Er sollte ganz beiläufig auf einer Wildschweinjagd in die Tat umgewandelt werden. Als die Jagd wegen eines Zwischenfalls abgeblasen werden musste, platzte auch der Plan. Trotz seiner Erschütterung durch diese Enthüllung bedeutete das Geständnis für Dario die unerwartete Verwandlung in einen Richter bzw. Polizisten. Und deshalb nahm er sich vor, die Angelegenheit mit Denisa unter vier Augen zu prüfen und sie so vielleicht zu einem Geständnis oder zur Reue zu bewegen. Die Reise, die die beiden Brüder am nächsten Tag aufs Land machten, war von Denisa selbst organisiert worden. Es ging darum, vor Ort Rinder zu kontrollieren, die an den Schlachter geliefert werden sollten. Begleiten sollte sie Francesco, der „Kuhhirte“, wie er aufgrund seiner Arbeit als Züchter genannt wurde und der auch als geschickter Fahrer bekannt war. Was dann passierte, erfuhr Dario aus der Erzählung von dem Unfall, die er während seines Komas in verschiedenen Versionen zu hören bekam. Das Auto sei ins Schleudern geraten und seitlich gegen einen Baum am Straßenrand gedonnert. Stefano, der ohne sich anzuschnallen vorne gesessen habe, sei mit dem Kopf gegen die Windschutzscheibe geprallt und auf der Stelle tot gewesen; auch der Airbag habe nicht funktioniert. Dario, der vom Rücksitz nach draußen geschleudert wurde, sei mit einer schweren Wirbelsäulenverletzung und einigen Brüchen ins Krankenhaus eingeliefert worden, während der Fahrer, von einem einzigen Kratzer abgesehen, unverletzt davongekommen sei. Der „Kuhhirte“ habe den Umstand, dass der Wagen ins Schleudern geriet, einem unerwarteten Sekundenschlaf mitten am Tag zugeschrieben. Dario fehlen ziemlich viele Details, denn die Einzige, die sie liefern könnte, ist die Verschwiegenste von allen. Jedes Mal, wenn die Rede auf den Tod ihres Gatten kommt, zieht Denisa, anstatt irgendeine nützliche Information zu geben, ein seidenes Taschentuch aus der Tasche und geht völlig in Tränen auf. „Nein! Sie hätten ihn nicht umbringen dürfen! Nicht so!“, heult sie ordinär und lässt dabei durchblicken, dass die Bäume die Urheber des Unglücks gewesen seien. Seit dieser Zeit eilt sie auch jeden Morgen, sobald die Glocke zum Gebet ruft, in die Kirche zur Morgenmesse und zur Kommunion. Zweifelhaft ist, ob sie unter Berufung auf das Beichtgeheimnis wenigstens dem Priester die ganze Wahrheit gesagt und dieser ihr die Absolution erteilt hat, ohne sie zu verpflichten, sich der Polizei oder dem Amtsrichter zu stellen. Oder ob ihre Frömmelei nichts weiter als eine Inszenierung ist. Oder ob es ihr gelingt, die Inszenierung mit Reue zu dosieren. Denisa lässt keine Gelegenheit aus zu wiederholen, dass sie sobald wie möglich (und das sagt sie unter eindeutigem Bezug auf das Erbe als einem bedauerlichen Verhängnis) einen Teil ihrer Erträge San Vincenzo, dem Heim für allein stehende Alte, zukommen lassen wird. Niemand spricht dagegen mehr von Darios nicht lange zurückliegendem Kampf um Leben und Tod bei der Reanimation; die Geschichte ist unbedeutend geworden. Er glaubt, den Tunnel des Todes erfahren zu haben, ein Gefühl wie auf der Achterbahn oder in Laserstrahl-Korridoren. Aber dieses normalerweise spannende Erlebnis sagt ihm wenig. In der Tat ist sein augenblicklicher Zustand dem Jenseits näher als irgendeinem figurativen Tunnel. Die Welt im Zimmer Dass er sich mit seinem Schicksal allein gelassen fühlt, deprimiert Dario nicht. Da er mit den anderen nicht kommunizieren kann, wäre es unsinnig, sich nicht zu fügen. Es reichen wenige Dinge, um ihm den notwendigen Frieden zu geben. Sicher nicht dazu gehören die Unterhaltungssendungen und sogenannten Shows im Fernsehen, das ständig läuft und das er durch die geöffnete Küchentür sehen kann. Zwar kann auch das Fernsehen für ihn nützlich sein, aber nur insoweit es den Rohstoff liefert zur Analyse und Rekonstruktion der wichtigsten Fakten, sicher nicht wegen der Überheblichkeit derer, die im Fernsehen auftreten, und der Abhängigkeit derer, die fernsehen und das alles zu ernst nehmen. Viel wichtiger ist da die Anwesenheit der Mutter. Zia Antonietta kümmert sich um ihren Sohn noch weniger als die anderen, aber Dario empfindet ihre körperliche Nähe als Garantie. Sie ist es, die bei den anderen jeden Gedanken an Euthanasie zunichte macht – mehr aus Aberglaube denn aus ethischen Gründen oder Zuneigung, die bei einem pflanzlichen Wesen nicht gelten können. Sie ist rüstig und willensstark, auch wenn Gesicht und Arme von Falten nur so strotzen; ja, fast scheint es, als nähmen diese jedes Mal zu, wenn sie wieder auftaucht. Bei ihr sind sie Ausdruck von Weisheit. Es ist ein Vergnügen, sie sprechen zu hören. Wenn sie ihre Erinnerungen erzählt, benutzt sie nicht die indirekte Rede, sondern die direkte theatralische der volkstümlichen Komödie. Jede erwähnte Person wird mit dem ihr eigenen Klang der Stimme und ihren persönlichen Launen dargestellt, mit ihrem eigenen Charakter und ihrer Schläue. Bei ihr ist die Vergangenheit nicht eine sterile Geschichte von Fakten, sondern sie wird lebendig durch die Plastizität und die Schwäche der Protagonisten. Wagt sich ein anderer an dieselbe Erzählung, ist es wie der Wechsel von einem Buch in Hochglanzdruck zu einem zerknitterten Schreibmaschinenmanuskript einer Olivetti 22. Dario fühlt sich auch von Großvater Tommaso beschützt, der auf einem dunklen Bild mit schwerem Barockrahmen dargestellt wird. Er thront hoch oben an der Wand über dem mit amarantrotem Samt bezogenen Sofa. Er steckt in einer Militäruniform und wendet sich einem König aus dem Hause der Savoyer zu wie ein Mystiker in Anbetung vor einem Herz Jesu-Bild. Man muss ihn bei Gegenlicht betrachten, um die Details durch die grünliche Patina zu erfassen. Der historische Bezug ist die vernichtende Niederlage von Caporetto, als der dekorierte Held sein rechtes Ohr, von einer umherirrenden Kugel zerfetzt, der Nation opferte. Bei seinem Anblick ist es unmöglich, nicht zugleich die Nationalhymne zu hören. Unter den Stammgästen ist Don Egidio, der Pfarrer, der genaueste Informant. Er spricht vor allem über die jüngsten Hochzeiten und Tode, obwohl man schon genug darüber weiß. Jede Beerdigung windet sich von der Kirche aus den Corso entlang, unter dem Haus vorbei bis zur Zypressen-Allee. Dario nimmt das Singen der Litanei und des „Miserere“ wahr, den schrillen Gesang der Damen von San Vincenzo, das Schluchzen der Angehörigen, die Kommentare der Leute, die dem Sarg einem Gesellschaftsspiel gleich folgen, glücklich, dem Tod noch einmal entronnen zu sein. Die Freunde und die Neugierigen, die den Toten zu seiner letzten Ruhestätte begleiten – sie streifen das Jenseits nicht einmal von Ferne! Für sie ist wichtig, den Druck der zur Verschwörung überkreuzten Finger nicht zu lockern. In der Familie aber gewinnt Don Egidio tiefe Einsichten in deren Kehrseite und Intimitäten. Er weiß, wer, wenn er einmal die Augen schließt, auf direktem Weg ins Paradies kommt, wer die Schar der Verdammten vergrößert und wer die Qualen des Fegefeuers erleiden muss. Bei den Verdammten hält er den religiösen Ritus für überflüssig, auch wenn er ihnen dies leider nicht verweigern kann. Das kann er nur bei den Selbstmördern, bei denen er die kanonische Regel in ihrer strengsten und restriktivsten Form anwendet. Er tut dies in dem Stolz, die Sterblichen nach den Maßstäben Gottes richten zu können. Der Arzt beschränkt sich inzwischen auf einige seltene Höflichkeitsbesuche. Er nutzt diese, um den Angehörigen Hinweise zum Gebrauch der Infusion zu geben. Er hat bereits alles getan, was in seiner Macht stand. Auch für ihn ist Dario keine Person mehr, nicht einmal ein medizinischer Fall. Etwas eifriger hingegen ist Tony, der Bruder und Geschäftspartner des Inhabers des örtlichen Bestattungsunternehmens „Autobahn ins Paradies“. Er ist ein Freund der Familie, auch wenn er sich fast ausschließlich mit Denisa unterhält. Aber es ist beunruhigend, wenn er einen mustert. Es scheint, als wolle er mit den Augen Maß nehmen. Niemand versteht, für welche Leistungen ihm vor kurzem der Orden „Cavaliere del lavoro“ verliehen worden ist. Vielleicht hat ihn eine einflussreiche Person empfohlen, um sich bei ihm einzuschmeicheln und nicht mit dem bösen Blick bedacht zu werden. Eigentlich hat er nie ernsthaft gearbeitet, und die Auszeichnung deutet er als Freistellung von der Arbeit für den Rest seines Lebens. Tony ist stolz darauf, und jedes Mal, wenn er aus dem Haus geht und damit rechnet, viele Leute zu treffen, steckt er sich das Abzeichen ins Knopfloch seines Zweireihers. Er stellt es offen zur Schau, gleichsam als Beweis für seinen direkten Draht zum Staatsoberhaupt oder zum Himmlischen Vater. Wer arbeitet, ist dagegen sein Bruder, den man am Vorabend eines jeden Begräbnisses an Sarg und Zinkbecken herumhämmern hört. Wenn Elvira und Maddalena vorbeikommen – sie sind immer zusammen und gleichen sich wie ein Ei dem anderen – hat man das Gefühl, sie wollten spionieren und die Lage unter Kontrolle halten. Sie sind die Zwillingsschwestern von Denisa. Obwohl sie ein Jahr jünger sind, scheinen sie eine Projektion Denisas in ein weit fortgeschrittenes Alter zu sein. Sie sind vor der Zeit gealtert und Jungfrauen geblieben. Ihre gespannte Haut lässt Gesicht, Arme und Busen vertrocknet erscheinen, so dass sich jeder Überrest von Anmut verflüchtigt und jede verführerische Geste plump erscheint. Unnütz sind ihre liebevollen Gesten und ihr ferngesteuertes Lächeln, weil sie nicht den Blick auf die Seele freigeben, sondern auf das grobe handwerkliche Können des Zahnarztes. Erst wenn sie gegangen sind, atmet man wieder frei. Dieses Kommen und Gehen spielt sich vor und neben Dario ab, aber so, als sei er gar nicht da; dabei ist er der Einzige, der jede Einzelheit wahrnimmt. Einige nutzen die Abwesenheit der anderen aus, um sich hier diskret zu verabreden. Denisa hat es zwei Mal mit dem Arzt getrieben, ohne sich beim erotischen Vorspiel, der intimen Ekstase, den Zuckungen der Lust im Zaum zu halten. Einmal hat sogar das Hausmädchen den blutjungen Roberto, Sohn von Densia und ihr in puncto Skrupellosigkeit mindestens ebenbürtig, auf dem Sofa in die körperliche Liebe eingeweiht, und das umfassend. Wann immer er kann, bringt er seine kleine Schulfreundin mit, allerdings für etwas jugendlichere Gefühlsausbrüche. Dario ist der Erotik im Zimmer oder im Fernsehen gegenüber nicht gleichgültig, aber er erlebt sie als Reflexion seiner vergangenen Erfahrungen, vor allem der versäumten: der faszinierenden Frauen, die er nie besaß, der Begierden, die nie in Erfüllung gingen, der abrupt beendeten Flirts. Er liebt die Nähe mancher Frauen, auch wenn ihr Äußeres ihn nicht mehr erregt. Wenn Lina ihn wäscht und sich alleine im Zimmer dabei aufhält, sein Glied zu liebkosen, als wäre es ein separates anatomisches Stück, eine reife, zu pflückende Frucht, verspürt Dario keine sexuelle Erregung. Jedenfalls nicht jene, die eine Erektion hervorruft. Er verspürt lediglich das Vergnügen, mit seiner gefühlsmäßigen Vergangenheit in Einklang zu kommen. Was Lina offensichtlich entgeht, der schon manches Mal die ungesunde Idee gekommen ist, ihm sein Glied abzuschneiden und es einbalsamiert oder in Chloroform eingelegt zu konservieren. Wer könnte denn auch die Kastration bemerken? Und wer könnte, falls doch, ihr einen Strick daraus drehen? Die Welt draußen Die getigerte Katze ist einer der Protagonisten des Zimmers, vielleicht der weiseste. Sie weiß, dass sie Tiger heißt, aber sie lässt sich vom Klang der Wörter nicht täuschen. Ihr Köpfchen ist außergewöhnlich symmetrisch, die großen Augen sind tiefgründig und fragend. Das gestreifte Grau, das sich von der Schnauze bis zum Schwanz hinzieht, verleiht ihr die elegante Hochmut der Raubtiere. Mit Dario hat sie versucht, eine Beziehung aufzubauen; schließlich aber, als keinerlei Reaktion kam, verzichtete sie völlig darauf. Und jetzt vermeidet sie es beim Durchqueren des Zimmers sogar, ihm auch nur einen Blick zuzuwerfen. Mit offensichtlicher Frustration. Ihr Lieblingsplatz ist die Fensterbank. Von oben inspiziert sie mit nervös wedelndem Schwanz die Straße und die umliegenden Dächer. Dario hat gelernt, ihre Sprache zu verstehen, die reich und artikuliert ist. Das Wedeln kann Komma, Strichpunkt, Ausrufe- oder Fragezeichen sein. Es gibt kreisförmige und wellenförmige Schwanzwedler, geschraubte und gehämmerte und dann die nach Art eines Dirigenten, die je nach Musik variieren. Jede Bewegung lässt sich außerdem nach Anzahl der Takte und Rhythmen unterscheiden. Auch das Fell der Katze spricht: je nachdem, wie gesträubt oder wie weich es ist, vermittelt es die feinsten Gefühlsschwingungen. Ganz zu schweigen vom Jaulen, das sich vom gewöhnlichen Miauen wie die Sprache der Liebe von der des Geistes unterscheidet. Für die normalen Leute sind die Interessen und die Emotionen der Katze unbedeutend: die Vögel, die Mäuse, die Insekten, die Unterhaltung oder die Auseinandersetzung mit Freunden und Feinden. Für Dario dagegen sind sie wichtiger als für die Katze selbst; sie sind Zeichen für existentielle und kosmische Beziehungen und Phänomene. Und Tigers Zeichen gestatten Dario außerdem eine lange und genaue Sicht in die Außenwelt. Wenn Tiger müde ist, kuschelt sie sich in der Mitte des Ehebetts zusammen und überlässt sich dem Schlaf, allerdings wie Dario mit nur halb geschlossenen Augen, um die wichtigsten Reize zu selektieren. Sicher, im Gegensatz zu Dario springt Tiger auf, läuft, beißt, miaut. Aber sie tut dies eher aus Notwendigkeit, denn aus Natur und Berufung. Ihr Lieblingszustand ist faule Unbeweglichkeit. Manchmal vergräbt sie sich im Wäscheschrank, und dann scheint die Nähe zu Dario total. Unsichtbar und vergessen, durch die Einsamkeit geschützt, fern den Sorgen der Zeit. Niemand kennt Tigers Zeit. Wer weiß, ob sie außer der chronologischen Zeit des Überlebens, der echten und der gespielten Jagd nicht auch Darios Zeit erlebt! Dario glaubt fest, dass es so ist. Die bisher genannten Aspekte Tigers sind die für Dario nützlichen, die ihm die Erweiterung seiner visuellen Wahrnehmung erlauben, die Anteilnahme an seinem Zustand. Aber es gibt viele andere Aspekte wie das Spiel, das Gespräch, die Meditation, die einen eher gedankenversunkenen Teil Darios betreffen und dessen latente Empfindsamkeit berühren. Die Katze ermöglicht ihm eine gewisse Rührung, ähnlich der, wenn er sich im Echo des Meers oder in der Tiefe der Sterne verliert. Ihn rührt auch die Sehnsucht von Bach oder des Tangos, den er als Jugendlicher am nächtlichen Strand in Begleitung seiner ersten Freundin hörte. Und ihn ergreift die Erinnerung an die kosmische Dichtkunst der Genesis „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde...“ oder an den Anfang des Johannes-Evangeliums „Am Anfang war das Wort...“, die Erinnerung an die epischen und lyrischen Psalme Davids. Niemand denkt daran, ihm so etwas vorzulesen. Nicht einmal Don Egidio – unsicher, wie er ist, zwischen den Worten Gottes und dem Gejammere der Welt. Die Rührung Darios verdichtet sich in ein paar Tränen auf dem starren Gesicht, die Lina mit Toilettenpapier abwischt wie ein natürliches Sekret, wie den Schleim oder die Fäden von Spucke in den Mundwinkeln. Die steinerne Kirche aus dem 18. Jahrhundert beherrscht den Platz oben am Corso, und der alles überragende Kirchturm daneben ist der Nabel des Dorfes. Die Glocken sind sein Atem und seine Stimme. Sie läuten den Tag mit dem morgendlichen Avemaria ein und beschließen ihn mit dem am Abend. Sie preisen die hohen Festtage, künden Hochzeiten und Beerdigungen an, begleiten die Prozessionen. Die Prozessionen rufen die Leute zusammen und verbreiten ihren Gesang und ihre Theatralik über den Corso, ein paar Schritte von Dario entfernt: in der Karwoche und an Ostern, an Christi Auferstehung und an Mariä Himmelfahrt, an Fronleichnam und am Fest des Schutzheiligen.... An letzterem füllt sich die Straße mit Buntpapier, mit Torrone-Ständen und den Märschen der Musikkapelle in Uniform. Mit dem Schlag der Stunden skandieren die Glocken das Dahinfließen des Tages für die Lebenden und das Dahinfließen der Nacht auch für die Toten. Tagsüber vermischen sich die Schläge mit den Geräuschen des Lebens, nachts wird ihr Klang klar und durchdringend. Zuerst erreichen sie die Lebenden, die gerade ruhen, dann dringen sie einem wellenförmigen Echo gleich in die Welt der Toten ein. Und die Vorfahren strömen auf die verlassenen Straßen und Plätze. Sie verknüpfen die Vergangenheit wieder mit der Gegenwart, ohne jede Furcht. In Erinnerung und Vorstellung fließt die Vergangenheit in die Gegenwart ein mit Alpträumen und Unruhe. Die Vorfahren hingegen, die in das Dorf der Lebenden zurückkehren, bringen Frieden mit. Sie geben im Chor das Universum wieder, das Dario in seiner Einsamkeit und Vergessenheit lebt. Er spürt sie ganz in seiner Nähe, bevor sie sich wie Nebel auflösen, weil Dario, mit einem Fuß im Jenseits, noch von dieser Welt ist. Und in diesem Schwebezustand öffnet sich ihm der Verstand bisweilen mit einer so ungewöhnlichen Klarheit, dass er diese auf die anderen übertragen möchte. Nicht, um seiner vegetativen Einsamkeit zu entkommen, sondern zu Ehren der Weisheit, die dem Vorzimmer zum Tod eigen ist. Und dann denkt er, dass die Erfahrung des Komas für alle heilsam wäre. Heilsam, um sich von den Mythen freizumachen, die das Leben regieren und es hektisch und heuchlerisch machen; heilsam, um zu verstehen, wie die Stimme des Gewissens, so wenig wahrnehmbar wie seine Gegenwart im Zimmer des Großvaters, mehr wert ist als gesellschaftliches Auftreten und verborgene Interessen. Das Fegefeuer kann kein Feuer und kochendes Pech sein wie in Dantes Inferno, bereichert um Hoffnung. Dario vermutet, dass es eher diese seine Erfahrung der Einsamkeit ist und die Fähigkeit, auf den Trost der Rache oder der Revanche, auf die Flucht in die Rolle des Scharfrichters zu verzichten. Fast mit Sicherheit weiß er um die Verantwortlichen des misslungenen Komplotts bei der Jagdpartie und des gelungenen Verkehrsunfalls. Würde er es schaffen zu sprechen, wäre das für Denisa fatal. Aber er versucht es nicht einmal, auch weil er die Schuld und die Bestrafung anderer für irrelevant hält. Für Dario ist der Beweis der Schuld keine Anklage. Er ist nur ein logisches Theorem, dem Gefühle nichts anhaben können. Mario Tamponi