Mario Tamponi Zurück
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Im Palermo von einst Nach Palermo kehrte Graziella als Erwachsene auf der Suche nach den eigenen Ursprüngen mehrmals zurück. Sie fand die Stadt vom Atem Afrikas umweht, sie fand den archaischen Frieden der Palmen und der Feigenkakteen, das durchdringende Aroma der Myrte und der Datteln, das Miteinander der lateinischen und arabischen Seele und in den Palästen und Kirchen die Spuren der vielfältigen Kulturen und Fremdherrschaften. Während ihrer zweihundertjährigen Präsenz hatten die Araber den Ort weiterentwickelt, die Stadtmauer ausgedehnt, über 300 Moscheen errichtet; als sichtbares Zeichen dieser Vergangenheit blieb die urbane Anlage mit ihrer gitterförmigen Struktur, auf der spätere Zivilisationen aufbauten. Dieser erlittene Reichtum begegnete Graziella auch im Stolz und im Misstrauen der Menschen wieder, im Schweigen und im gesellschaftlichen Ritual, in der Melancholie der Musik, der Fatalität des Melodrams. Sie war fasziniert vom königlichen „Palazzo dei Normanni“ mit den Mosaiken und Marmorintarsien der „Cappella Palatina“, vom christlich-normannisch-sarazenischen Dom in der Stadtmitte, von der stillen Religiosität von „San Giovanni dei Lebbrosi“ in der Peripherie. Sie bewunderte die Gotik des „Palazzo Chiaramonte“, spöttisch „Lo Steri“/Gästehaus genannt, und der Kirchen Sant’Agostino und San Francesco, das allgegenwärtige, die ganze Atmosphäre und Choreographie der Stadt bestimmende Barock. Den Puls von Palermo aber erspürte sie vor allem in den Straßenmärkten wie auf der „Vucciria“, chaotisch wie ein orientalischer Basar, im sich überkreuzenden Geschrei der Händler, im Strom der geschäftigen und gedankenverlorenen Menschen. Das reichhaltige, wohlriechende Angebot an Obst und Gemüse, an Fleisch und Fisch jeder Art und Größe begeisterte sie ebenso wie das bunte Drumherum aus Rosen, Orchideen, Gladiolen und Nelken. Palermo zeigte sich ihr zurückgezogen in die eigene Geschichte, zugewandt dem Land und dem Innern der Insel, den Zitrus- und Olivenhainen, den sonnenbeschienenen Hügeln, die sich im Wechsel der Jahreszeiten am Horizont abzeichneten. Vom Meer abgewandt. Der Blick auf das Tyrrhenische Meer von der Bucht aus, über der sich die Stadt erhob, zwischen Capo Mongerbino und Monte Pellegrino, wäre ausreichend gewesen, um sich dem Lächeln und der Hoffnung zu öffnen. Aber diese Bucht schien ihr nur ein geographischer Begriff und das Lächeln und die Hoffnung eine Chimäre. Wer das Meer wirklich wollte, musste es jenseits des Golfs suchen, an den Küsten in Richtung Castellamare oder Cefalù. In der Stadt begnügte man sich damit, das Meer aus einer salzigen Brise im Hafen und in den Straßen herauszuschmecken, aus dem Geruch des frischen Fischs rund um die Märkte des Viertels. Aber das war nicht das offene Meer, das bis zum Horizont und weiter reicht, mit Schiffen und Fischkuttern wie Punkte in der Ferne, quälend langsam. Das war nicht das Meer, das Kinder und nicht mehr Kinder zum Träumen von Freiheit und endlosen Spielen inspiriert. Graziellas Kindheit hatte sich ausschließlich auf den zwischen den Mietshäusern eingegrabenen Bürgersteigen abgespielt, unter den strengen Augen der Eltern vom Balkon im dritten Stock; und sie war immer bereit gewesen, beim ersten Rufen die Stufen hochkeuchend zu ihnen zu eilen. Dass der Platz für ihre Spiele ein von Mauern umgebenes Gehege war, verstand sie erst, als sie auf einem Wochenendausflug an den Strand von Mondello das Meer entdeckte. Der glühende Sand und die azurblaue, mal liebkosende, mal wogende Unendlichkeit erschienen ihr plötzlich wie das Paradies. Ihr war unbegreiflich, warum sie, nachdem sie es einmal berührt hatte, zurück musste zu den alten Mietshäusern aus Stein und Marmor, zurück zu den familiären Verboten und in die Enge des Lebens in der Hausgemeinschaft. Im Palermo von damals spielte sich das Leben mehr oder weniger ab wie in jedem anderen Ort des Südens. Tief verankert in der Erinnerung des erwachsen gewordenen Mädchens blieben die Hausfrauen, die ihre Einkäufe vom Fenster aus erledigten. An langen Schnüren ließen sie manchmal auch vom obersten Stockwerk aus Körbe aus geflochtenen Weidenruten herunter, die die fliegenden Händler von ihren Karren aus mit Obst, Gemüse und Eisblöcken zum Kühlen der Lebensmittel füllten; Kühlschränke gab es damals keine. Als Fortbewegungs- und Transportmittel waren Esel und Pferde üblicher als Autos, und Kutschen, die sich vor dem Bahnhof sammelten, dienten als Taxi. Abends belebte sich das Viertel mit Männern in groben Baumwollanzügen vor den Bars und schwarz gekleideten Frauen, die auf den Stufen zu ihrer Haustür saßen. Nach dem Abendessen strömte die festlich gekleidete Jugend in die dem Flanieren geweihte Hauptstraße zum narzistischen Auf und Ab mit schüchternen Annäherungsversuchen unter den Augen von Schaulustigen und Klatschmäulern. Die Wagemutigsten setzten sich in die Felder ab, um „sich in die Büsche zu schlagen“. Und dann die Feste des Viertels und das der Schutzheiligen Santa Rosalia am 12. Juli, mit bunten Luftballons, Ständen mit „Torrone“ und „Paladinen“ aus Zucker und Schokolade. Die Blaskapelle in Uniform führte die Prozession der Heiligen an, immer im Marschschritt. Die Trompetenstöße und Trommelschläge dröhnten den Kindern im Magen; der Chor der Klarinetten drang wie ein scharfes Schwert in ihr Herz. Und am Schluss das Feuerwerk. Die Explosionen und glitzernden Lichter bemächtigten sich des sternenklaren Himmels mit penetrantem Schwefelgestank wie in einer Apokalypse und nahmen die Gemüter in einer Art kollektivem Jubel in Besitz, um gemeinsam die bösen Geister zu vertreiben und sich die guten wohlgesonnen zu stimmen. Den Alltag begleitete immer auch die Traurigkeit des Todes: die unzähligen Bekanntmachungen an Mauern und Türen; die Trauer im Schleier der Frauen, in den schwarzen Knöpfen und Armbinden von Männern und Kindern. An jedem Sterbefall schienen alle Verwandten teilzuhaben, alle Freunde, alle Bekannte, die ganze Nachbarschaft in einer ununterbrochenen Kette solidarischer Trauer. Und so nahm Graziellas Lieblingsmärchen in einer Toten Gestalt an: in dem einbalsamierten Mädchen im nahen Kapuzinerkloster. Oft ging sie mit der Mutter die Zypressenallee entlang dorthin. Ein Mönch begleitete sie durch unterirdische Gänge und Krypten an den unendlichen Reihen von Toten vorbei, ausgestellt zwischen Sarkophagen, die geöffneten Koffern glichen – Skelette und Totenschädel, die von einer ausgetrockneten Haut und Haarresten bedeckt waren; einige trugen sogar einen Bart. Die zerschlissenen und staubbedeckten Kleider belegten deren unterschiedlichen Stand: Prälate, Mönche, Honoratioren, Leute aus dem einfachen Volk. Andere waren in grobe Schweißtücher gewickelt. Ihren zusammengepressten Haltungen entströmte die einstige Vitalität der Gesten. Die Männer standen zum Großteil aufrecht an die Wand gelehnt, einige auf erhöhtem Sockel. Die Frauen hingegen lagen ausgestreckt, die Mädchen mit der Palme der Jungfräulichkeit. Sie alle erwarteten geduldig das Jüngste Gericht, aber sie erweckten ebenso wenig Angst wie der Fundus eines Marionettentheaters. Mit der Zeit hatte sich der Klosterführer in seiner Franziskanerkutte diesen Ahnen angepasst und all ihre Züge angenommen. Das schwache Licht, das durch die kleinen Fenster von oben hereinsickerte, grub ihm wie einem Gespenst tiefe Schatten ins Gesicht. Aber seltsamerweise wirkte auch er beruhigend, solange er, wenn auch nur mit einem Rest von Stimme, sprach. In jenen in die Dunkelheit gegrabenen Katakomben war das eigentliche Ziel eben jene Rosalia, unversehrt in der bewegenden Anmut der Züge ihrer Lippen und Nase, im frischen Rosa der Haut. Sie trug ein spitzenbesetztes Kleid und ein gelbes Band in den fast feucht wirkenden Haaren, die ihr wie ein Pony in die Stirn hingen. Sie schien zu schlafen, unter einem Kristallschrein wie in eine Wiege gebettet. Für die einen war sie 1920 geboren, für die anderen 1925. Vielleicht hatte sie das gleiche Alter wie Graziellas Mutter, die sie liebgewonnen hatte wie eine zeitlose Zwillingsschwester, ein Symbol der ewigen Jugend aus Fleisch und Knochen, eine Heilige mit ungeahnten Wunderkräften. Sie musste die Tochter adliger Eltern gewesen sein; für Graziella war sie eine Prinzessin, die greifbare Heldin ihrer abenteuerlichen und romantischen Träume, die Lieblingspuppe. Sicher, sie war tot, aber Graziella kannte den Tod nicht. Sie hatte ihn nur einmal gesehen, auf dem Foto des steifen Großvaters mit den glänzenden Schuhen und dem weißen Gesicht auf dem hohen Ehebett zwischen vier Kandelabern aus Messing. Diese Darstellung war befremdend und angsteinflößend, Rosalia aber war real; wie die sizilianischen Marionetten mit all ihrer Lust zu leben und zu spielen, mit ihrem ermutigenden Lächeln. Jenem Lächeln, das Graziella damals fehlte. Alle Fotos aus ihrer Kindheit zeigen sie bildhübsch, im Kreis ihrer Familie und einer Unzahl von Verwandten, aber mit einer tiefen Wehmut in den glänzenden, eindringlichen Augen. Ihre Haare waren pechschwarz, ihr Körper schlank; die Züge ihres Gesichts schienen von Tizian gezeichnet. An den Festtagen trug sie ein Kleidchen aus amarantrotem Samt, eine große Schleife auf der Brust und das goldene Taufkettchen, das ihr bis zum Bauchnabel reichte. Später, als Graziella die Abenteuer von Pinocchio für sich entdeckte, wurde Rosalia zur „guten Fee mit dunkelblauen Haaren“, die „seit über tausend Jahren in einem Häuschen so weiß wie Schnee mitten im satten Grün der Bäume wohnte“. Und die gute Fee durchstreifte die Welt „in einer schönen himmelblauen Kutsche, ganz gepolstert mit Kanarienfedern und im Innern ausgestattet mit Schlagsahne und Biskuitcreme“. Mario Tamponi