Mario Tamponi Zurück
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Star für einen Tag In Berlin auf dem Weg nach Rom Ungeduldig warte ich im Wartesaal des Berliner Flughafens auf den Abflug nach Rom, als ich plötzlich merke, wie ich von allen Seiten mit wachsender, penetranter Neugierde beobachtet werde. Ich fühle mich unwohl bis zum Erröten, stelle zig Hypothesen auf, warum so viele Voyeure, desinteressiert am eigenen Ich, Zerstreuung suchen, indem sie mich umkreisen. Sie beäugen mich nicht, wie es in der Öffentlichkeit angesichts verdächtiger Subjekte häufig geschieht, über die man ein unwiderrufliches Urteil fällt, um sich selbst für tugendhaft zu halten… oder angesichts bedauernswerter Gestalten, um sich selbst als schön zu empfinden… oder angesichts attraktiver Jugendlicher, deren körperliche Geschmeidigkeit nicht einzugestehende Phantasien hervorruft. Meine Mutmaßungen verfestigen sich zu einem Verdacht, als einige es wagen, das Eis zu brechen, indem sie mir eine Postkarte, ein Buch oder die eigene Bordkarte vors Gesicht halten, als bäten sie um ein Autogramm. Allesamt rufen sie mich mit einem Namen, der amerikanisch oder englisch klingt. Vielleicht verwechseln sie mich mit einem Schlager-, Film- oder internationalen Showstar, mit einer Persönlichkeit, die den, dem es gelingt, sie ein Mal im Leben in solcher Nähe zu begegnen, zu einem Glückspilz macht. Um mich aus dieser lästigen Zwangslage zu befreien, bemühe ich mich, das Missverständnis umgehend aufzuklären, indem ich meine bescheidenen Personalien vorlege: Tomasino Pes, gebürtiger Sarde, Römer aus Berufung, Wahlberliner. Aber meine Widerspenstigkeit droht, die Lage zu verschlimmern, sodass ich schließlich nachgebe und in die Person ihrer Sehnsüchte zurückkehre. In einem verdrehten Italienisch beginne ich etwas Banales zu stammeln, mit Verben im Infinitiv und dem typischen Leierton angelsächsischer Anfänger. Meine ersten Autogramme sind so hingekritzelt, dass es mir leicht fällt, sie roboterhaft auf gleiche Art zu wiederholen. Und ich verteile unzählige in alle Richtungen; jeder denkt ja nicht nur an sich, sondern will noch eines und dann ein drittes für die „Herzallerliebste“, den „geliebten Gatten“, den „Sohnemann“, die Oma, den besten Freund, einen alten Schulkameraden als Überraschung nach Jahren des Schweigens. Dann gehen sie über zu Selfies mit Handys jeder Form und Farbe, die sie Zauberkünstlern gleich aus Jacken- und Hosentaschen, aus Rucksäcken und Handtaschen hervorholen. Sie geben sich nicht mit dem neuesten iPhone zufrieden, manch einer fordert sogar die Wiederholung in Schwarz- Weiß mit sorgsam für besondere Ereignisse gehüteten antiquarischen Fotoapparaten. Es kümmert mich nicht, dass meine Gesichtszüge aus jedem Blickwinkel festgehalten und gefilmt werden, bestimmt fürs Glasfasernetz und die Familienalben kommender Generationen; ihre absolute Überzeugung, durch Suggestion inzwischen zu meiner eigenen geworden, raunt mir scheinheilig zu, dass mein Bild hundertmal besser sein muss als das des Originals, das sie verehren. Nicht, dass ich mir einbilde, schön zu sein, aber die körperliche Attraktivität scheint wenig oder gar nichts mit der Berühmtheit zu tun zu haben, die per Ansteckung und mit dem Bedürfnis der Menge wächst, sich in jemanden oder in etwas hineinzuprojizieren und sich darin zu verlieren. Es spielt keine Rolle, dass nicht ich es bin, der die Formel zur Errettung der Welt entdeckt, das Gedicht oder die Sinfonie geschrieben hat, welche die gesamte Menschheit zum Träumen bringt… oder dass ich nicht zu den Ausnahmepropheten zähle, die es gegenüber dem Lärm vorziehen, in erhabene Gefilde einzutauchen, um dort in Stille über die Weisheit nachzudenken. Es spielt keine Rolle, dass ich bis vor zehn Minuten den Alltag des Durchschnittsbürgers geteilt habe. Aufgrund welcher Magie auch immer scheint jetzt alles anders. Und sollte das echte Idol aus Fleisch und Blut eines Tages zufällig auf irgendeinem der verteilten Fotos mich mit seinem Namen entdecken, wird er gut daran tun, auf den Wettstreit um die Urheberrechte zu verzichten und sich ins Privatleben zurückzuziehen, ohne Bühnenauftritt und Scheinwerferlicht. Aber wie lange soll ich diese meine neue Rolle durchhalten? Ich denke an meine prekäre Finanzlage im krassen Gegensatz zu so viel Ruhm. Angesichts meiner Fans im Wartesaal des Flughafens rät mir der Instinkt, mich als weltweiten Wohltäter mit einem Gespür für die großen Sozialprobleme auszugeben. In meinem stets stockenden, amerikanisierten Italienisch erbitte ich eine Spende für eine ausgedachte Hilfsaktion zugunsten behinderter Kinder der Elfenbeinküste. Ohne zu zögern beginnen die Tatkräftigsten, in ihren Kappen Geld zu sammeln. Anscheinend fühlt sich jeder durch die Spende befriedigt, je mehr desto besser; es könnte keinen besseren Garanten für ihre Großzügigkeit geben als mich, eben dank meiner Glaubwürdigkeit. Geplagt von Gewissensbissen nehme ich mir vor, nur die Hälfte der Einnahmen für meine aktuelle Notlage zu verwenden und den Rest für die angegebene Wohltätigkeit, wofür ich noch die behinderten und farbigen Kinder ausfindig machen muss. Während der Spendensammlung wagt einer, angespornt von den Schüchternsten, mich darum zu bitten, ein paar meiner Hits anzusingen, und sei es nur den Refrain. Was also tun? Ich bin von Geburt an so unmusikalisch wie die Glocken meines fernen Heimatdorfs, und ungebraucht sind meine Stimmbänder längst eingerostet. Ich werde aus meiner Verlegenheit erlöst, als mir jemand eine aus dem Nichts aufgetauchte Gitarre reicht. Mich überrascht mein eigener Erfindungsgeist, als ich sie spontan wie ein wildgewordenes Tier packe, sie mit befreiender Wut auf Stühlen und Tischen zerschlage, schreiend wie ein Rockstar in einem überfüllten, elektrifizierten Stadion. Ein junger Intellektueller mit ungepflegtem Haar, wahrscheinlich der Besitzer der Gitarre, ist glücklich, das im Sterben liegende Gerippe einsammeln und noch die kleinsten Bruchstücke wie Reliquien eines Gnadenereignisses unter den Anwesenden verteilen zu können. Im Flugzeug dann bitte ich die hilfsbereiten Stewardessen, mir für eine kreative Ruhepause alle Plätze der ersten und zweiten Reihe zu reservieren; bezahlen kann ich sie ja nun mit einem Teil der Spendengelder. Nach der Landung in Fiumicino verschwinde ich wie ein Blitz im erstbesten Taxi mit der Bitte um Beschleunigung, um jeglichen Verfolger zu entmutigen. Im Zentrum Roms verberge ich das Gesicht, als quälten mich heftige Zahnschmerzen; auf der Via del Corso suche ich einen Laden für Perücken und Schnurrbärte auf und kehre mit verändertem Aussehen in meine Normalität zurück. Beim Anblick meines Spiegelbilds im Schaufenster nebenan berauscht mich die wiedergewonnene Anonymität, und ich atme tief durch. Außerdem entschließe ich mich, die gesamte von meinen einstigen Fans des Flughafens eingesammelte Summe den noch zu entdeckenden behinderten Kindern zurückzugeben. Um die Extrakosten für den Flug zu erstatten, werde ich für eine oder zwei Wochen in irgendeiner Pizzeria in Trastevere als Tellerwäscher arbeiten müssen. Mario Tamponi