Mario Tamponi Zurück
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7 Unsere jüdischen Brüder! Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit sind ein tödlicher Krebs Bestürzend, dass zwei Drittel eines Jahrhunderts des Nachdenkens – soweit nachgedacht wurde – nicht ausreichten, uns begreiflich zu machen, dass Antisemitismus als Hass auf einen Sündenbock Neurose und Paranoia ist – sowohl bei dem, der ihn erzeugt, als auch bei dem, der sich zu seinem Komplizen gemacht hat: in Deutschland, in Italien und anderswo in Europa…. und dass eine der vorrangigen Aufgaben eines jeden Einzelnen wie der Politik in der Genesung von dieser Krankheit bestehen sollte, die so tief wurzelt, weil sie psychisch ist, die neue Sündenböcke – aus Frustration, Minderwertigkeits- und Schuldgefühlen heraus – hervorzubringen riskiert und ein ganzes Wertesystem, den Wert des Lebens und des menschlichen Miteinanders entstellt. Unbewusst, solange der Paranoiker glaubt, gesund zu sein. Unvermeidlich, wenn ein Teil der für die Genesung Verantwortlichen – Politiker, Erzieher, Intellektuelle, Journalisten – vom gleichen Übel betroffen ist. „Wie kann ein Blinder eines anderen Blinden Führer sein? Am Ende werden sie beide in den Abgrund stürzen.“ In der Tat wurde diese Krankheit in der Vergangenheit zur Epidemie und zum Regime, nachdem sie auch fast die Gesamtheit der „Ärzte“ angesteckt hatte. Antisemitismus ist Ausländerfeindlichkeit im Urzustand – fast in dessen metaphysischer Gestalt. Der psychische Mechanismus ist derselbe, lediglich die historischen Bezugspunkte, der Symbolgehalt und damit die Intensität der Gewalt ändern sich. Wir sind zur Solidarität mit dem jüdischen Volk verpflichtet, das – in seiner geschichtlichen und mythischen Wirklichkeit – Teil von uns ist, des Daseins eines jeden in der ständigen Alternative zwischen der Annahme eigener Grenzen und innerer Zerrissenheit und dem alltäglichen Umgang damit oder der Versuchung, diese auf andere abzuwälzen, und zwischen der Übernahme der Last eigener Aufgaben und Verantwortung oder der Illusion, sich davon befreien zu können. Ein ethisches Problem. Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit sind noch eher als ein politisches ein ethisches Problem. Der Widerstand gegen ihr Blendwerk kann nur im Imperativ unseres Seins eine ausreichende Motivation finden, in der Beziehung zu einem Absoluten, das alle in Gleichheit und Brüderlichkeit vereint, unabhängig von der Unterschiedlichkeit der Hautfarbe, der Nationalität, der Kultur, der Sprache. „Tue nicht anderen, was du nicht willst, dass sie dir tun“, ist die Norm, der wir am Ursprung einer jeden Religion begegnen – von Konfuzius bis zum Judentum und zum Christentum (Konfuzius, Reden 15, 23; Rabbi Hillel, Sabbat 31 a; Matthäusevangelium 7, 12). Aber auch in jeder rationalen Philosophie wie etwa bei Kant: „Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen... jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“ Nur der Mensch darf Maßstab der Werte sein, immer Subjekt und nie Objekt; der Mensch in seiner Allgemeinheit, aber auch in seiner Konkretheit als Einzelner. Ein herausragender Jude, der im Glauben vieler – meiner eingeschlossen – zugleich Sohn Gottes ist, hat dieses Prinzip mit folgenden Worten am besten ausgedrückt: „Wenn du ein Mittag- oder Abendmahl gibst, so lade nicht deine Freunde noch deine Brüder, noch Verwandte, noch reiche Nachbarn ein, damit nicht auch sie dich etwa wieder einladen und es dir vergelten. Nein, wenn du ein Gastmahl gibst, so lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein, und du wirst selig sein, weil sie nicht imstande sind, es dir zu vergelten“ (Lukas 14, 12-14). Er sagte auch: „Liebet eure Feinde... damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet, denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“ (Matthäus 5, 44-45). Das klingt nach Heroismus, drückt aber radikal das Gewissen aus, das alles auf die entscheidende Wahl zurückführt – für den Menschen oder gegen ihn. Diese Schärfe droht in der zergliederten Welt von heute verloren zu gehen, wo die Ethik auf einen Wissenszweig für eine Kaste von Experten reduziert wird – neben Politik, Wirtschaft, Biologie, Physik, algorithmische Technologie, Kybernetik... Und dabei sollte die Politik, will sie nicht machiavellistisch oder Schauplatz für bestechliche Karrieristen sein, ethisch sein, die Wirtschaft sollte ethisch sein... Es ist notwendig, ja lebensnotwendig, dass die Politik – ebenso wie die Wirtschaft und alles andere – für den Menschen als einzigen Zweck da ist. Kapital, Industrie und Finanzen, Arbeit sind Mittel; auch Wissenschaft, Technik, Maschinen und Computer sind Mittel; ebenso wie Informations- und Kommunikationssysteme, das Sozialgefüge, die künstliche Intelligenz. Die Welt von heute – aber vielleicht war das schon immer so – hilft uns in dieser Richtung bestimmt nicht. Wir gewöhnen uns daran, jede menschliche Perversion auf Erden als natürlich hinzunehmen: Völker, die an Hunger sterben; andere – arm, aber bis an die Zähne bewaffnet – im Dauerkrieg auf der Jagd nach Trugbildern; ausgebeutete oder gar als Organträger gehandelte Kinder; Menschen, die ihrer Gedankenfreiheit wegen gefoltert oder von Staaten per legalisierter Todesstrafe beseitigt werden; ganze Volkswirtschaften, die vom internationalen Handel mit tödlichen Waffen und Drogen gespeist werden; demokratische Systeme, die ihren Ausbau und ihre Stabilität auf den Kult des unbegrenzten Konsums stützen; Massen von Arbeitslosen, entehrt durch ihre Armut, aber mehr noch durch ihre Überflüssigkeit; Scharen von Obdachlosen, die Zuflucht auf Bahnhöfen, unter Brücken oder auf den Bürgersteigen unserer reichen Städte finden; lokale und globale Unternehmen, Vereine und Massenmedien, die Menschen manipulieren und terrorisieren, wenn es darum geht, Waren zu verkaufen oder Zustimmung zu ergattern; Lobbys mit dem Syndrom der Allmacht, die die Kontrolle ausweiten und die Zukunft aller verplanen. Immer mehr verringert sich der Platz für die Kultur, ja oft genug bleibt sie dem Wohlwollen kommerzieller Sponsoren überlassen und wird durch die Verbindung mit Werbespots gedemütigt; Philosophie wird aus den Schulen verbannt; Schnitte im öffentlichen Sparprogramm treffen fast immer Bildungs- und Kultureinrichtungen, auf alle Fälle die künstlerische, kreative Ebene. Sollten wir uns da wundern, wenn sich unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen feindselig begegnen und die stärkeren die schwächeren verteufeln, um ihre Übergriffe zu rechtfertigen? Oder wenn Jugendliche, genährt von Bildern der Gewalt, diese schließlich in die Tat umsetzen? Den Regierungen mangelt es an radikaler Ethik; es fehlt eine internationale Organisation für eine wirksame Orientierung der Gesellschaft hin zum Menschen. Die Rolle der Kirchen. Ein glaubhafteres Vorbild würden wir hier wenigstens von den Kirchen erwarten, die sich nach jenem gemeinsamen ethischen Imperativ ausrichten. Aber wie viele Religionskriege – vom Glauben inspiriert, legitimiert oder fanatisiert – zwischen den Völkern oder innerhalb dieser gibt es! Die Religionen sollten eigentlich von ihrem Wesen her, nach innen wie nach außen, menschlich, demütig, neugierig, kreativ, kommunikativ, aufgeschlossen, tolerant, großzügig, befreiend, friedensstiftend sein, und nicht das Gegenteil. Was ich damit sagen will, ist wohl weder revolutionär noch gotteslästerlich; es ist lediglich etwas Selbstverständliches. Eintracht zwischen den Religionen und das Bemühen von allen Seiten, sich nicht von Zielen politischer und hegemonialer Macht entweihen und benutzen zu lassen, sind die Voraussetzung für die Überwindung einer Vielzahl von Konflikten. In der Katholischen Kirche zeugen die Abhandlungen von Karl Rahner zu den „anonymen Christen“ (die die Ethik der Liebe auch ohne Konfessionszugehörigkeit ausüben) von hoher Glaubwürdigkeit; ebenso der Vorschlag einer „Weltethik“ und einer „offenen Ökumene“ des Theologen Hans Küng; glaubwürdig ist auch das Modell des früheren Erzbischofs von Mailand, Kardinal Martini… und heute vor allem das mit Mut und päpstlicher Durchsetzungskraft praktizierte von Papst Franziskus. Die Formel ist einfach, ja selbstverständlich: Sämtliche Religionen, angefangen bei den „prophetischen“ (Judentum, Christentum, Islam), sollten, ohne ihre Identität aufzugeben, stärker den sie verbindenden Glauben an Gott als Liebe betonen als die gegeneinander gerichteten gedanklichen Systeme und sich über das ethisch Wesentliche verständigen: über den Imperativ der Brüderlichkeit, des Respekts und der Toleranz. Wie paradox ist es im Übrigen für den Gottgläubigen, sich bis zum Hass mit seinen Mitmenschen über die Interpretation Gottes, des Unaussprechlichen zu streiten! Für die religiösen Kasten und ihre politischen Missbräuche sollte der „weltliche“ Jesus ein beredtes Beispiel sein, der die Universalsprache der Parabel und der Metapher verwendet, die Erlebtes anspricht und dabei von den theologischen, metaphysischen oder wissenschaftlichen Unterschieden der historischen und kulturellen Bedingungen absieht. Wie paradox und heuchlerisch ist vor allem die Schuldzuweisung des Gottesmordes, mit der die Christen die Juden jahrhundertelang belastet haben – mit den verheerenden Folgen, die uns das historische Gedächtnis lehrt! Als sei Jesus von Nazareth nicht auch Jude. Und als seien Leben und Opferung jenes Juden nicht auch die Lebensmetapher eines jeden von uns. Als seien die ersten Apostel und Jünger von Jesus nicht auch Juden… vor allem Maria, verehrt als Muttergottes. Es ist ein tragisches Rätsel, wie manche antisemitische Banalitäten über Jahrhunderte hinweg ganzen Generationen von denkenden Menschen glaubhaft gemacht wurden. Von einem Gewissen, das sich nicht akzeptiert und ins Irrationale versinkt. Ich würde mir wünschen, dass die Kirchen – wie es uns Papst Franziskus lehrt und wofür er Zeugnis ablegt – überhaupt keiner Diplomatie bedürften, jener der feinen Unterschiede und langen Fristen, sondern sich von der Radikalität des Gewissens inspirieren ließen, das unmittelbar entscheidet und dabei die Menschenwürde achtet ohne Angst, etwas zu verlieren, oder den Ehrgeiz, etwas zu gewinnen. So würden sie sogar den Politikern helfen zu verstehen, was ethisch sein bedeutet, und allen Menschen guten Willens, von einer Welt mit weniger Zäunen zu träumen und sich dafür einzusetzen. Zeugnis ablegen. Wie auch immer ist eine Kritik, die nicht von Selbstkritik ausgeht, wenig glaubwürdig. Kaum Vorbild kann sein, wer die eigene Kirche aus dem Blickwinkel des Nichtstuns kritisiert; dasselbe gilt für den, der Staat und Regierungen kritisiert, ohne einen alternativen politischen Beitrag zu leisten. Umso wichtiger ist es, in der Kirche, im Staat, in der Gesellschaft gegen den Strom zu schwimmen – nicht aus Exhibitionismus, sondern wenn das Gewissen es fordert. Auch wenn der Preis hoch ist, wenn Antikonformismus zu Unpopularität und Ausgrenzung durch den oft irregeleiteten gesunden Menschenverstand führen könnte. Manchmal begründen wir unseren Verzicht auf Engagement gegen ausländerfeindliche Vorurteile – jenseits rhetorischer Slogans – mit dem Hinweis darauf, nicht Mehrheit zu sein… Als seien die Regeln der Ethik nicht andere als die von Statistik und Politik! Das Wort Gottes preist die Kraft der ethischen Minderheit: „Ihr seid das Licht der Welt… Ihr seid das Salz der Erde“. Darauf gründet sich das Überleben der Welt. Die Forscher des „Chaos“ lehren uns, dass im instabilen Gleichgewicht des Ganzen der Flug eines Schmetterlings in der Toskana zu Unwetterkatastrophen in Florida oder zu positiven Auswirkungen ähnlicher Tragweite andernorts führen kann. Auf dem instabilen Gleichgewicht basieren auch die politischen und sozialen Systeme – umso mehr, je stärker sie voneinander abhängen. Kompromisslose Ethik und Mut von wenigen können Katastrophen vermeiden, spürbar zu einer humaneren und gerechteren sozialen und kulturellen Neuordnung beitragen. Nichtstun findet also keinerlei Rechtfertigung. Niemand ist davon befreit, seinen Teil zu tun, auch weil dieser Teil sein Ganzes ist. Mario Tamponi